Birds

Text, Illustrationen und Musik: Suug

Nick, Nick

An der alten Schlossruine über der tiefen Schlucht am Berghang
da liegt eine namenlose Steinskulptur, die lächelnd ihren Kopf mit ihrer Hand stützt.
Obwohl eine Seite dieser Skulptur zerbrochen
und auf dem Boden verstreut ist,
glänzen die Augen- und Lippenlinien noch sanft
unter dem zerbrochenen Haarschmuck der Skulptur.

"Auf der Rundung eines Schulterfragments
teilen zwei Tauben ihre Liebe,
reiben dabei ihre Schnäbel aneinander. "
"Birds" von Suug

Auf der Rundung eines Schulterfragments
teilen zwei Tauben ihre Liebe, reiben dabei ihre Schnäbel aneinander.
Das Sonnenlicht, das zwischen den Bäumen hindurchgefallen ist,
streift die Wange der Skulptur
und verfolgt dann eine winzige Ameisenprozession auf ihrem Weg.
Ein weiteres Taubenpaar sitzt
auf dem sich über die Steinskulptur hinüberbeugenden Ast,
für den Rest des Tages.
Auch an ihren Füßen, prrr, prrr,
auf ihrer leicht eingesunkenen Taille, prrr, prrr...
Als ob sie einander immer wieder grüßen, prrr, prrr,
so sitzen sie da, wenn das Flattern ihrer Flügel zur Ruhe gekommen ist,
und mit geheimnisvollen Geräuschen teilen sie ihr aufsteigendes Glück
gurrr-gurrr, gurrr-gurrr...

"Die tief schimmernden Augen,
die Heute und Morgen und alles im Jetzt zu enthalten scheinen,
sehen so aus, als ob sie das Glück der Taubenvögel teilen können. "
"Birds" von Suug

Die tief schimmernden Augen,
die Heute und Morgen und alles im Jetzt zu enthalten scheinen,
sehen so aus, als ob sie das Glück der Taubenvögel teilen können.
Vielleicht flüstert sie aber von noch einer anderen Welt
in dieser verlassenen Schlossruine?,
ihre Lippen bewegen sich leicht, als ob sie irgendetwas murmelt mitten in dieser großen Stille.
Ihr Puls klingt so friedlich wie die Klänge der Wassertröpfchen,
die nach einem Regen von den Blättern fallen,
tak, tak, tok-tok.
Die Vögel scheinen das zu hören,
vielleicht nicken sie deshalb ab und an mit ihren Köpfen,
um mit dem Puls überein zu stimmen?
Mal - auf der Schulter, nick, nick,
mal - auf dem Ast darüber, nick, nick-nick,
mal - da am Fuß, nick, nick,
und dort auf ihrer leicht eingesunkenen Taille, nick, nick-nick.

"... bis am Abend vom erfrischenden Wind
der heiße Nachmittag fortgewaschen wird,
bis morgen, das bald heute wird."
"Birds" von Suug

Vielleicht versammeln sie sich heute hier,
die Tauben von ein paar hundert Jahren vorher
und die Tauben von ein paar hundert Jahren nachher,
um mit dieser gemütlich daliegenden Skulptur leise zu flüstern.
Die Tauben nicken mit dem Kopf,
sie hören zu, während sie flüstert.
Manchmal zittern sie am ganzen Körper grrr
als ob sie leise antworten.
Was flüstern die denn alle,
hier und da, grrr, grrr, tak, tak, tok-tok!
Dazwischen bedeckt das silberne Lächeln
der unbekannten, gemütlich daliegenden Skulptur mit Wärme
ihre zur Hälfte zerbrochenen steinernen Körperstücke,
zwischen denen weggeworfene rote Kappen von Colaflaschen
und blaue Kappen von Plastikwasserflaschen verstreut sind.
Ja, ja... sie lächelt sich an.
Grrr, grr, tak, tak, tok-tok,
die Tauben machen nick, nick, nick-nick!
So, und so,
bis am Abend vom erfrischenden Wind
der heiße Nachmittag fortgewaschen wird,
bis morgen, das bald heute sein wird.

Birds
Illustration: © Suug

Die Geschichte der Zugvögel

An der Nordsee, am Strand von St. Peter Ording saß ich sehr müde auf einer Holzbank. Vielleicht bin ich zu lange gelaufen... dachte ich so vor mich hin. Es war Mai und die Sonne brannte schon heiß auf den Strand. 'Hm! aufpassen!, mach doch mal Pause!’, sagte meine innere Stimme zu mir.

Eine Weile hielt ich meine Augen geschlossen, spürte den Luftdruck des nordischen Windes im Ohr. Holte einmal tief Atem, huu! Dann sah ich die unendliche Linie des Horizontes zwischen Meer und Himmel. Einen Moment lang wurde es geradezu unheimlich ruhig wie bei einem Stummfilm in Schwarzweiß, und dennoch hörte ich leise quietschend, wie alte Filmdrehgeräusche, die Fahrräder in der Ferne.

Dann mischten sich irgendwie rufende, warnende Klänge in die leisen Geräusche. Ich sah die Zugvögel. Sie folgten kraftvoll ihrem Weg. Sie tauschten miteinander Ruf und Wiederruf, hin und her, und hielten ihr Tempo mit gleichmäßig schwingenden Flügeln. Meine Augen folgten den Zugvögeln, bis sie mit dem Horizont vereinigt und von ihm geschluckt waren. Wie wunderschön!, ertönte es leise aus meinem Mund..., und dabei schwangen die Klänge des Vogelzugs weiter in meinem Kopf.

Am nächsten Tag war ich zufällig bei einer Wattenführung dabei. Ich war sehr scheu, blieb hinter dem Rücken der Gruppe zurück. Hörte, wie reichhaltig die Nahrung ist, die das Watt den Vögeln bietet, obwohl da nichts Besonderes zu sein scheint, bloß Sand. Allerdings eine Menge grauer Sand. Faszinierend! Ich betrachtete die sandverschmierte Hand des Wattführers, er erzählte, 'wie viele Lebewesen in dieser Hand voll Sand stecken’, und zeigte uns die winzig kleinen Muscheln, die kaum größer als Sandkörner waren. ‚Es ist das Paradies für die Vögel, sie brauchen nur den Schnabel in den Sand zu stecken...’ Dabei haben wir alle miteinander gelacht. Sein näselnder norddeutscher Dialekt war immer dabei, wir haben ihm die ganze Zeit mit lächelndem Gesicht zugehört.

Dann fragte uns der Wattführer: 'Wissen Sie, wie die Zugvögel den Weg über die Kontinente von Afrika nach Sibirien zur Erzeugung ihrer Nachkommen bewältigen?, und wie können die Babyvögel tatsächlich ohne ihre Eltern ganz ganz allein wieder nach Afrika fliegen, wo die Eltern hergekommen sind?'

... Stille... die Gruppe war offenbar genauso ahnungslos wie ich, und gleichzeitig schwamm in meinem Kopf der Gedanke:’ Meine Vermutung könnte daneben gehen, ich warte lieber!' Dann haben wir eine wunderschöne Geschichte erzählt bekommen:

Als die Kontinente Afrika und Asien noch ein Erdteil waren, war der Weg der Zugvögel noch nicht so weit wie heute. Es war eine Erde ohne Meer zu überqueren. Und während mit der Zeit die Erde von Afrika und Asien getrennt wurde, haben die Zugvögel den Weg von Generation zu Generation weitergegeben, denn es ist die Magnetkraft der tieferen Erde, die entscheidend ist für die Route der Zugvögel. Diese immer weiter auseinander gezogene Route ist nur auf der Oberfläche der Erde relevant, aber unter der Oberfläche ist die Erde noch dieselbe, und diese Route ist seit jeher in die Gene der Zugvögel eingraviert. Deshalb können die jungen Zugvögel auch ohne ihre Eltern von Sibirien nach Afrika fliegen um nach Hause zu kommen.

Diese Geschichte vom Leben der Zugvögel weckte meine ganze Bewunderung. Als ich vor einigen Jahren in Athen eine Marmorskulptur sah, die 600 Jahre B.C. entstanden war, bekam ich eine Gänsehaut, und neben mir fiel ein Amerikaner sogar vor der Skulptur auf die Knie und schrie mit Tränen in den Augen 'oh my God!, oh my God!', wie geloopt, und ich dachte damals, was für großartige Geschöpfe die Menschen sind. Gestern, als ich auf der Bank am Strand den Zugvögeln nachschaute, dachte ich, dass diese Route sogar eine Millionen Jahre alte Geschichte hatte, und wie mutig es jedes Jahr aufs Neue von den jungen Vögeln ist, die frischen Flügel zu entfalten und sich freiwillig und ohne geführt zu werden auf den Weg nach Afrika zu begeben!

Manchmal sind die Menschen blind und hochmütig auf der Erde, sie tun so, als ob sie Hauptdarsteller in der Geschichte der Erde waren und sind. Wie lächerlich! So zog ganz kurz dieser Gedanke durch meinen Kopf, schnell und scharf wie ein Nordwind 'Huing!'.

Dann schwangen diese Rufe und Laute der Zugvögel weiter in meinen Gedanken nach und begleiteten meine Schritte auf den Rückweg. In mir wuchs allmählich der dringende Wunsch, mit der Energie dieser wunderschönen Vogelwelt etwas zu machen. Es reichte mir nicht, kleine Grüße hinauf zu schicken: 'Hallo Ihr, ich wünsche Euch eine gute Reise und schöne Heimkehr!'. Mir schwebten diese kräftigen Flügelgeräusche über Sibirien vor, oder auch die Tänze, die die Menschen seit jeher imitiert haben. Auch die Gesänge, mit denen sie ihr Glück und ihre Gefühle mitteilen, und die Rufe, die herzerwärmend den Horizont entlang schallen.

Ich fühlte mich den Vögeln da oben gegenüber als ein kleiner Punkt, der den Strandweg entlang krabbelt, ganz und gar unbedeutend... Trotzdem ist meine Bewunderung wert, gezeigt und mitgeteilt zu werden, eine solche Emotion ist sehr kostbar! So ermutigte ich mich selber, dass ich auch mit meinen Mitbewohnern auf der Erde eine wunderschöne Geschichte zusammen erschaffen kann, zumindest, solange ich sie mit Respekt und Neugierde betrachte. Plötzlich fingen die Klänge der wunderbaren Wesen an, sich neu in mir zu entfalten, und dann tauchten die Bilder von den bunt kolorierten tanzenden Vögeln auf. 'Die Farben könnten noch bunter und knalliger sein', so korrigierte ich mich selber. Etwas hatte in mir angefangen!

So begann ich die Musik 'BiRDS' zu komponieren. Die Notiz für die erste Tonspur begann so: 'Bitte, unbedingt zuerst mit lebhaften Rhythmen zu tanzen beginnen!'

Kleine Hintergrundgeschichte meiner Erzählung:

Während der Behandlung meiner Krebskrankheit im Mai 2014 war ich zur Reha in St. Peter Ording, da habe ich wunderbare Menschen getroffen, die ihr Leben noch mal neu aufbauen mussten, und habe dabei gelernt, wie wichtig Mitgefühl ist. Das Leben geht weiter, sehne Dich nicht vergeblich zurück, sieh nach vorne, was alles immer so gesagt wird. Es ist so wahr und ich habe es ganz wach aufgenommen.
An dem Tag, an dem ich die Zugvögel am Strand noch ein zweites Mal hören und sehen durfte, wurde es mir noch viel bewusster, so als hätte ich Kräfte von den wunderbaren Wesen getankt. Meine innere Stimme klang so: , 'Flieg weiter!, nicht um zum Ende zu kommen, sondern um gut anzukommen!' Ich habe sie so mitgenommen.

An jenem Abend habe ich ein paar Klänge gesampelt,
und dabei hörte ich es so in meinem Kopf:
Die Rufe der Zugvogel schallen weiter,
die Flügel flattern weiter,
die Wolken ziehen weiter,
meine Gedanken fließen weiter.
Die Geräusche der Wellen berühren meine Gedanken,
sie flüstern mir wie eine kleine Bestätigung zu:
'Sie werden gut ankommen, srrr, srrr, srrr.... '

Birds
Illustration: © Suug

Jetzt erhältlich!

Die Musik zum Projekt

Tracks

  1. DanceBird
  2. HideoutBird
  3. SaucyBird
  4. SlideBird
  5. KnowingBird
  6. CooBird
  7. BeautyBird

Duration: 23:45 min
Catalogue No. SUUG0007

Birds Cover

Bandcamp CDbaby