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Irgendwer schläft nicht

Urban Sapiens. Geschichten der Stadt.

Urban Sapiens, 6/6

Urban Sapiens: Das Unscheinbare in der Stadt.
Entgeht uns das Wesentliche?
Geschichten, die wir überhören und übersehen.

© Suug

Irgendwer schläft nicht

"... Im vierstöckigen Gebäude vor der alten Linde leuchtet das Fenster des Dachzimmers wie eine quadratische mit Mondlicht gefüllte Schachtel."
"Urban Sapiens" von Suug

In einer Spätherbstnacht, in einer ruhig gewordenen Straße ohne Autos und ohne Menschen, blinkt eine Ampel vor sich hin.

Eine alte Linde, noch wach und betrunken vom Mondschein, schüttelt die letzten verbliebenen Blätter herunter. Sie fragt die junge Linde gegenüber, wieso man in dieser Nacht nicht schlafen könne ...

... Im vierstöckigen Gebäude vor der alten Linde leuchtet das Fenster des Dachzimmers wie eine quadratische mit Mondlicht gefüllte Schachtel. Irgendwer schläft auch dort nicht ...

Die alte Linde vermutet, womöglich wegen der elektrischen Wellen der kleinen Schachtel mit Mondlicht; die junge Linde hingegen meint, wegen des Mondscheins in der Nacht ...

So beginnt diese Nacht sich langsam mit denjenigen zu füllen, die nicht schlafen.

Im Dachfenster des vierstöckigen Gebäudes krabbeln Finger leise über eine Tastatur, während jemand seine Gedanken in den quadratischen Bildschirm seines Computers pflanzt.
Srr-srr-trr, srr-srr-trr...
Die Finger ertasten die Gedanken wie Fühler eines Insekts.
Während des Getippels springen die Gedanken hinaus, Tok! Tok!

"Im Dachfenster des vierstöckigen Gebäudes krabbeln Finger leise über eine Tastatur,
während jemand seine Gedanken in den quadratischen Bildschirm seines Computers pflanzt."
"Urban Sapiens" von Suug

Hinter dem Spielplatz im Park tippelt es auch, von Wesen, die in dieser Nacht ebenfalls nicht schlafen:

Zwei babyhandgroße Igelbabys, folgen ihrer Mutter und erspüren die Spur des anziehenden Dufts einer Kartoffelchipstüte, die jemand weggeworfen hat.
Srr-srr-zik-zik!, Srr-srr-zik-zik!

Im Mondlicht glänzt die Straße hell und silbern.

Die Igelfamilie betritt die silberne Straße wie drei sich bewegende stachelige Kastanienhülsen.
Die Igelmutter schnüffelt die Luft mit ihrer glänzenden Nasenspitze und dreht ihren Kopf. Die beiden ihr nachfolgenden Igelbabys machen sie nach.
Heute stehen auf dem Menü Kartoffelchipskrümel!
Crunch! Crunch!

Rund um die silberne Kartoffelchipstüte beginnt die Party der Igelfamilie.

Der um Mitternacht leere Spielplatz wird plötzlich wieder munter.

Währenddessen, da oben in der quadratischen mit Mondlicht gefüllten Schachtel, krabbeln die Fühler der Gedanken unbeirrt weiter. Im Licht des Bildschirms ist ab und an ein Gesicht zu sehen. Die Spannung des Herzschlags – mal rast er schneller oder steht wieder still – dringt durch das Fenster nach draußen. Die in den Bildschirm eingepflanzten Gedanken stehen in einer Reihe dem Gesicht gegenüber und schauen es an.

Auch die alte Linde schaut auf das Gesicht. Sie scheint die Gedanken erahnen zu können. Aber sie steht nur ganz ruhig da und tut so, als ob sie nichts davon wisse.

Währenddessen, da unten – unter der alten Linde – kommt nach dem Ende der kleinen Party die Igelfamilie vorbei. Zwischen den vom Baum abgeworfenen trockenen Blättern ist sie raschelnd damit beschäftigt, die Nacht weiter zu ertasten.

Ein weiterer duftender Geruch winkt von gegenüber.
Die Igelfamilie huscht hinüber zur jungen Linde.

Auf der leeren Fahrbahn schaut sich die Igelmutter noch mal vorsichtig um.
Drrr, in einem Atemzug, mit klopfendem Herz, überquert sie die Fahrbahn gänzlich.
Zrrr, die beiden Igelbabys folgen ihr rasch.

In der quadratischen mit Mondlicht gefüllten Schachtel huschen die Gedanken ebenso, Drrr!
Außerhalb der Schachtel huschen die klopfenden Herzen über die Fahrbahn, Drrr!

Und gegenüber – über dem Rascheln der gerade herbeihuschenden Igelfamilie – schüttelt die junge Linde ihre restlichen trockenen Blätter ab, Srrr!

Srrr, Srrr, durch die Blätter folgt die Igelfamilie dem Duft. Dieses Mal lockt der erfrischende Geruch von Obst unter einem Rosenbusch vor der jungen Linde.

Und so taucht die Igelfamilie in die Hecke aus Rosen ein.

Srrr, Srrr ... wegen der Besucher zucken die Zweige des Rosenbusches einen Moment lang erschrocken hin und her ...

Die junge Linde erzählt der alten Linde von der Igelfamilie und
die alte Linde erzählt der jungen Linde von dem Gesicht in der quadratischen mit Mondlicht gefüllten Schachtel.

So ist diese Nacht voll beschäftigt mit denjenigen, die nicht schlafen.

Eine Weile später ...,
... das Licht der quadratischen mit Mondlicht gefüllten Schachtel im Dachzimmer des vierstöckigen Gebäudes ist erloschen, ...
dreht auch der Mond da oben seinen Rücken hinter die Wolken.

"Plötzlich steht der erste Frühmorgenbus an der Ecke bei der Ampel und sendet sein Signal zum links Abbiegen: Blink, Blink ..."
"Urban Sapiens" von Suug

Plötzlich steht der erste Frühmorgenbus an der Ecke bei der Ampel und sendet sein Signal zum links Abbiegen: Blink, Blink ...

Aus der Ferne nähern sich eilige Schritte: Jemand möchte noch den Bus erwischen.
Der Bus an der Bushaltestelle vor der jungen Linde fängt den Heranrennenden gerade noch ab, Drung!
Im warmen leeren Bus, wie auf der Suche nach einem Schlafplatz, nimmt er in der letzten Reihe Platz. – Während er immer noch nach Luft ringt und seine Tasche liebevoll umarmt, schließt er die Augen hinter einer dicken schwarzen Brille: in diesem Moment macht die grüne Ampel ihre Augen auf, Blink!

Und Brumm! Der Bus fährt ab.
Ja, endlich schläft jemand.

Irgendwoher taucht plötzlich unter der alten Linde der ein orangefarbenes, neonleuchtendes Kleidungsstück tragende Straßenkehrer auf – als ob nach einer Aufführung jemand die Requisiten von der Bühne räumen wollte.
Die letzten Blätter von der Linde umklammern seine Beine und sein Besen befreit sie, um sie dann in einer Reihe aufzuschichten. So werden die Blätter zusammengepfercht ...

Von weither durchbohren leise die immer häufiger werdenden Busgeräusche die Frühmorgenluft.
Ja, endlich schläft jemand.
Srrr, Srrr, Brumm!
Coming Soon!

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