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Regengeräusche

Klärende Tränen.

Tränen, 4/13

Wir Menschen drücken viele Emotionen durch Tränen aus. Nur, lesen und verstehen wir diese auch richtig? Eine Reportage über die Geheimnisse, die sich hinter unseren Tränen verstecken.

© Suug

Regengeräusche

Klärende Tränen

Hörtipp zum Beginn des Kapitels: "Vom Regen geküsst"

"In diesem Moment bemerke ich
die Tränen auf meinem Gesicht.
Sie sind da – wie auf Knopfdruck.
Ach, schon wieder ...
Tränen, was für eine sonderbare Sprache."
"Tränen" von Suug

Die Regengeräusche passen sehr gut zur Stille der kalten Jahreszeit. Der Regen tut nicht nur den Bäumen gut, er ruft in mir auch einige Erinnerungen hervor. An einem solchen Regentag im Winter zoomen meine Gedanken nahe ran an meine Vergangenheit:

Ein braunes Holztor öffnet sich mit einem Geräusch: QUIETSCH!

Eine hübsche Frau stößt das Tor auf – tränenüberströmt – und stürmt ins Haus. Ohne die Begrüßung ihrer erschreckten jüngsten sechsjährigen Tochter wahrzunehmen, schubst sie diese beiseite und bricht heulend auf dem Boden zusammen. Vor wenigen Stunden hatte sie erfahren, dass ihre zweitjüngste Tochter gestorben ist: ein Auto hat sie überfahren und ist einfach verschwunden. Gerade musste sie ihre grausam in Stücke gerissene Tochter im kalten Krankenhaus zurücklassen und alleine nach Hause gehen. Nun krümmt sie sich vor seelischem Schmerz auf dem Boden. Ihr Herz ist gebrochen. Sie kann nicht akzeptieren, dass diese ungeheuerliche Tatsache schon Vergangenheit ist und sich nie wieder wegwischen lässt.

Die jüngste Tochter versteht diese Situation überhaupt nicht. „Vielleicht ist der Tod nur ein Versteckspiel“, denkt sie sich. „Die Schwester ist doch immer leicht wie ein Schmetterling gelaufen und hat immerzu gelächelt. Jetzt hat sie sich irgendwo versteckt und wird irgendwann wieder auftauchen“.
Sie streichelt die Decke, unter der sich die hübsche Frau verkrochen hat und mit dem Weinen nicht aufhören kann. So weint sie einfach mit. Aber die leicht wie ein Schmetterling laufende, immer lächelnde Schwester mit den großen Augen, sie taucht nicht mehr auf. ...

Bald ist es kein Versteckspiel mehr. Weder nach Tagen, noch nach ein paar Monaten wird sie je wieder auftauchen ...

Einmal zieht sich die jüngste Tochter ein Kleid ihrer leicht wie ein Schmetterling laufenden Schwester an und spielt damit. „Zieh sofort das Kleid aus!“ – Plötzlich wird sie von der hübschen Frau angeschrien – mit einer Mischung aus Wut und Tränen in der Stimme. In diesem Augenblick beginnt sie langsam zu spüren, was Tod bedeutet. Ihr Bauch schmerzt, als würde irgendwas ihr Inneres verdrehen ... und die Schultern werden bleiern ...
Dennoch verletzt sie es nicht, dass sie von der hübschen Frau angeschrien wird. Irgendwie scheint es wohl so gut zu sein ...

Vielleicht werden die Bauchschmerzen irgendwann verschwinden, wenn alles herausgeheult sein wird? So beginnt das kleine Mädchen ebenfalls zu weinen, so laut, dass das ganze Dorf es hören kann ...

Die Erinnerung an das Weinen, welches das ganze Dorf hören kann, wird durch die von draußen auf der Straße zu hörende Sirene eines Krankenwagens jäh unterbrochen. In diesem Moment bemerke ich die Tränen auf meinem Gesicht. Sie sind da – wie auf Knopfdruck. Ach, schon wieder ... Tränen, was für eine sonderbare Sprache: „Die Tränen spülen ihre Wunden aus. Sie reinigen, wie das Wasser des Regens die Erde reinigt. Tränen können Hoffnung wieder sprießen lassen ... Tränen sind eigentlich kein Symbol von Schwäche! Tränen sind lediglich ein Ritual des Körpers. Sie können Schmerz und Wut wegwaschen.“

Eindringlich wie in einer Medikamentenwerbung gehen mir solche bedeutungsschwangeren Behauptungen durch den Kopf. ...

Und mein Bauch spricht: „Irgendwie erfrischend, diese Regengeräusche. Nicht wahr?“ Anstatt hierauf mit „Ja...“ zu antworten, schweige ich einen Augenblick. Dann wische ich mir die Tränen aus den Augen und zoome erneut kurz in meine Vergangenheit:

Eine in einen Regenschauer getauchte Landschaft: ein kleines Mädchen tanzt barfuß im warmen Regen des heißen Sommertags. Während es ausgelassen durch den Regen hüpft, wirft es einen dieser billigen Plastikregenschirme auf den Boden, die sowieso immer gleich kaputt gehen. Fliegend und hopsend tanzt es, unbekümmert über ihr nass gewordenes Kleid mit dem Muster aus kleinen grünen Wassertröpfchen, das ihr immer enger am Körper klebt.
Es ist der Tag, an dem es merkt, was der Tod bedeutet und der Tanz ihrer leicht wie ein Schmetterling laufenden Schwester in ihrem Gedächtnis langsam verblasst.
Mag sein, dass das kleine Mädchen instinktiv spürt, dass es noch irgend etwas weg zu waschen hat ....

Viele Jahre sind vergangen, aber die Regengeräusche mag ich immer noch sehr.

Die Zeit ist dahingeflossen und ich bin ihr gefolgt. Gut so. Auch wenn die Zeit durch Tränen begleitet war und vergangen ist. Die Tränen haben mich gereinigt. Regengeräusche rufen in mir Erinnerungen wach und Tränen hervor – und meine Gedanken werden klarer.

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