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Tränen aus der Vergangenheit.

Tränen, 6/13

Wir Menschen drücken viele Emotionen durch Tränen aus. Nur, lesen und verstehen wir diese auch richtig? Eine Reportage über die Geheimnisse, die sich hinter unseren Tränen verstecken.

© Suug

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Tränen aus der Vergangenheit

"In solchen Momenten fühlt sich für mich die Gegenwart unbequem an,
erschreckend gar, als ob ich gerade Wasser verschütte
und mich genau in diesem Moment im Spiegel betrachte."
"Tränen" von Suug

Die Gegenwart fühlt sich für mich wie ein Spiegel der Vergangenheit an.
Die meisten von uns scheint es nicht zu kümmern, wie sich die vergangene Zeit im Hier und Jetzt spiegelt. Wiederholt sich ein Ereignis aus der Vergangenheit in der Gegenwart, dann sind meist auch viele Emotionen im Spiel.
Wer wie ich in einer geschlossenen und autoritären Gesellschaft aufgewachsen ist, weiß, dass sich in solch einer Gesellschaft die Vergangenheit fast zwangsläufig wiederholt. Das hat mich immer wieder rasend gemacht. Gegen solch eine schmerzhafte Wiederholung der Vergangenheit wollte ich schon immer rebellieren. In solchen irgendwie bekannten, aber dennoch fremden Momenten, starrte ich müde in mein unkontrollierbares Antlitz.

Schemenhaft sind Soldaten von hinten zu sehen, ziellos, da ihre Feinde verschwunden sind.
Es erscheint ein Wettläufer – verwirrt, da er während seines Laufs sein Ziel verloren hat.
„STOPP! WEITER! STOPP! WEITER!“
Schrill ertönen in den Köpfen unruhige Alarmsignale;
wie die bedrohlich krächzende Stimme des Nachrichtensprechers aus dem Radio einer fernen Vergangenheit ...

Unerhoffte Tränen und Schluchzen rufen in mir Panik hervor.
„Ach, schon wieder! ...“.
Ein Teil meines Herzens ist ganz passiv geworden, als ob es etwas bereut oder ihm ungerechterweise etwas weggenommen wird. Mein Herz erwartet, dass jemand mit ihm spricht: „Es ist gut so. Du hast dein Bestes gegeben.“
Trotz solcher beruhigender Worte drückt irgendetwas auf meine Brust und ein irgendwie unbefriedigendes Gefühl stellt sich ein. – Solche Gedanken ketten sich aneinander und wiederholen sich, wie durch ein nicht zu stoppendes Kopiergerät vervielfältigt.
Die unbewusst reflektierten Gefühle erhalten die Vorfahrt und beherrschen alle meine Emotionen.
Plötzlich stoppen meine Tränen.

In diesem Moment poppt ein weiterer Gedanke an die Oberfläche. Mein Gehirn liest ganz schnell, pausenlos:

„Nichts ist perfekt: weder Menschen noch Natur, auch das Leben selbst nicht.
Entwicklung gibt es nur durch instinktive Reflexion, durch Nachdenken und durch Lernen; so werden Probleme gelöst! Und wenn die Zeit gekommen ist, dann löst sich alles einfach auf.
Leider wird das von manchen Menschen verkannt. Das Streben nach Genauigkeit wird von manchen mit dem Streben nach Perfektion verwechselt. Sind solche Menschen zudem noch pflichtbewusst, entwickeln sie daraus rasch eine Art Religion. Aus dieser einseitig zur Schau gestellten Wahrheit erwächst Gewalt. Ein in der Tat giftiges Geschenk! Es verseucht uns alle mit einem gefährlichen Virus – nicht nur diejenigen von uns, die sich versklaven lassen wollen ...“

Vergleiche ich nur, scheint die Vergangenheit die Gegenwart immer argwöhnisch im Blick zu halten, krankhaft, mit diesem Virus infiziert. Mein Kopf ist voller alter, unattraktiver, widersprüchlicher und sehr schmerzhafter Erinnerungen.

Meine Gedanken eilen zu dem weinenden Mädchen, das sich einst unter der Nähmaschine verkrochen hatte:

Mit verkrampften, nass gewordenen Füßen in alten abgenutzten Turnschuhen, einen alten zerfetzten Regenschirm fest in der Hand haltend, schaut das Mädchen die hübsche Nachbarstochter an. Die mit dem gelben Rock, dem gelben Regenschirm und den roten Gummistiefeln. Wieso ist ihr Gesicht immer so blitzsauber und hübsch? Dann rennt sie zurück nach Hause, völlig gleichgültig ob ihrer pitschnass gewordenen Füße. Dort angekomen, schmiert sie sich Seife ins Gesicht und wäscht sich so heftig, bis ihr die Tränen kommen. Im Spiegel sieht sie ihr zerknautschtes Gesicht mit den kaninchenrot gewordenen Augen. Danach versucht sie die ganze Nacht lang, ihr verschrumpeltes und durchnässtes Herz wieder glatt zu streichen.

Am nächsten Morgen taucht der Vater der Nachbarstochter auf und möchte vom Mädchen das letzte Bild mit seinem Fotoapparat machen, damit er den Film zum Entwickeln geben kann. Seine eigene Tochter hat er schon oft genug fotografiert. „Komm raus, lass uns ein Foto machen.“ Halbwach wird das Mädchen vor die Holzsäule im Flur gestellt. So beeilt sie sich, um auf das wertvolle Foto zu kommen, und glättet noch rasch mit nassen Händen ihre Haare, reibt sich die Augen und zieht unauffällig das viel zu eng gewordene Kleid nach unten, damit man ihre Unterhose nicht sehen kann. Dann nimmt sie Haltung an: „Bitte Lächeln!“ Während dieser Ansage zieht sie ihre verkrampften Lippen waagrecht auseinander, um auf das letzte Stück des Films zu kommen. KLICK! – PUUH! Was war das denn bloß? Soll sie sich nun freuen? Sie ist verwirrt! Komplexe Emotionen!

Das Schwarzweißfoto, das diesen Moment festhält, klebt alt und gelb geworden auf der ersten Seite meines Fotoalbums. Dieses unattraktive, widersprüchliche Foto ist das erste Foto von mir.
Dieses Foto sendet mir merkwürdige Emotionen, irgendwie elektrisierend bis in die Haarspitzen, vom Lachen bis – urplötzlich – kurz vor dem Weinen. Dieses alte Schwarzweißfoto, das alte eingerissene Stück Papier mit dem augenscheinlich glücklichen Moment lässt mich schwanken zwischen Glück und Schmerz.

Ich möchte nicht wieder zurück... Mein Kopf ist voll genug von alten, unattraktiven, widersprüchlichen und schmerzhaften Erinnerungen.

Ununterbrochen und zügig lese ich die Gedanken, die mir durch den Kopf gehen:

„Die Zeit läuft nie rückwärts!
Es scheint keine Wiederholung zu geben, keine alternative Zeit.
Schätzt man den Wert der Zukunft nicht, dann dominiert das Chaos der Vergangenheit die Gegenwart. Für manche Menschen geht das so weit, dass sie in der Zeit rückwärts zu gehen scheinen.“

Früher zu der Zeit, die man mit dem Wort „unschuldige Kindheit“ bezeichnen könnte, war für mich alles noch schön und friedvoll, bedeckt mit einer flauschigen Baumwolldecke. Irgendwie fühlt sich diese Zeit wie von mir weggenommen an.
In der Gegenwart bleibt dieser Schmerz, der wie aus in einem mit Sehnsucht und Liebe gefüllten Kinderbuch verstoßen zu sein scheint. In solchen Momenten fühlt sich für mich die Gegenwart unbequem an, erschreckend gar, als ob ich gerade Wasser verschütte und mich genau in diesem Moment im Spiegel betrachte.

Hörtipp an dieser Stelle: "Emotionscode"

Mit diesem unbequemen Gefühl erscheinen zögerlich Fragen auf einem Computerbildschirm in meinem Kopf:

„TIP, TIP!“ ...
„Kann man die Zukunft exakt anvisieren?“
– Im Hintergrund schweben weiße Wolken vorbei...

„Wenn das möglich wäre, würde dann die Angst verschwinden?“
– Im Hintergrund ist ein lächelndes kleines Mädchen zu sehen...

„Wenn die Angst verschwunden wäre, würde das Leben dann glücklicher sein?“
– Im Hintergrund sind auf einer Wiese wie verrückt hüpfende Menschen zu sehen...

„Könnte es sein, dass man sich durch zu viel Beschäftigung mit den immer neuen Möglichkeiten der Zukunft sich diese zur Vergangenheit macht?“
– Im Hintergrund ist ein mit einer schwarz umrandeten Brille tragender Philosoph zu sehen, der Fragen hat ...

„Wäre es nicht toll, wenn das Schicksal nicht wie mit einem Schloss angekettet wäre, auch wenn die Zukunft nicht klar vorherzusehen ist?“
– Im Hintergrund ist ein kleines, aufgeregtes Mädchen mit einem Schlüsselbund vor einem Schloss zu sehen ...

Wieso fließen plötzlich Tränen? Ich fühle mich durcheinander und bedrückt. Ich habe große Lust, diesen reflexartigen Emotions-Code zu durchbrechen:

„DELETE!“ – Gibt es kein Zurück VOR die Tränen? Nein, ich will kein Zurück, ich will einfach nur „DELETE!“ ... So soll es geschehen.... – Im Hintergrund erklingt Musik, wie ein Regengeräusch ....

„Waschen“, „Lachen“, „Tanzen“. Diese drei Szenen wiederholen sich ständig im Zeitraffer, weiter und weiter. Man sieht nasse Augen, weiße Schneidezähne und einen mit grünen Wassertropfen bemusterten Rock, der sich wie ein aufgeklappter Fallschirm um sich selbst dreht. Die Hintergrundmusik, die wie ein Regengeräusch klingt, verschwindet. Zum Schluss hört man, wie sich der Schlüssel im Schloss dreht und dieses sich öffnet.

Das Kind auf dem Foto wäscht sich jeden Tag fleißig das Gesicht. Wunschlos, einfach so.

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