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Tsunami

Falsche Tränen.

Tränen, 9/13

Wir Menschen drücken viele Emotionen durch Tränen aus. Nur, lesen und verstehen wir diese auch richtig? Eine Reportage über die Geheimnisse, die sich hinter unseren Tränen verstecken.

© Suug

Tsunami

Falsche Tränen

"Es ist der Moment, in dem sich ein „Sisyphus“ in mir bemerkbar macht,
der sich immer dann meldet, wenn etwas komplexes oder schmerzhaftes passiert.
Er wohnt schon lange in mir. Plötzlich lässt er den Stein fallen:
RUMMS!"
"Tränen" von Suug

„Als Nuklearkatastrophe von Fukushima wird eine Reihe katastrophaler Unfälle und schwerer Störfälle ab dem 11. März 2011 im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi ... bezeichnet. ... Die Unfallserie begann am 11. März 2011 um 14:47 Uhr mit dem Thoku-Erdbeben und dem darauf folgenden Tsunami, die beide als Auslöser für die Katastrophe gelten. Sie nahm gleichzeitig in vier von sechs Reaktorblöcken ihren verhängnisvollen Verlauf. In Block 1, 2 und 3 kam es zur Kernschmelze. Es gab Explosionen in drei Reaktorblöcken, sowie einen Brand in einem Abklingbecken. Große Mengen an radioaktivem Material wurden freigesetzt.
...
Die Entsorgungsarbeiten werden voraussichtlich 30 bis 40 Jahre dauern.“
Quelle: Wikipedia Nuklearkatastrophe von Fukushima
https://bit.ly/1GIRyqK

Die nachfolgenden Gedanken gingen mir nur ein paar Tage nach der Natur- und Nuklearkatastrophe von Fukushima durch den Kopf, deren eigentliche Dramatik in verantwortungslosem menschlichen Handeln lag, das durch ein vorhersehbares Erdbeben und den darauffolgenden Tsunami so extrem verstärkt wurde.

Hörtipp an dieser Stelle: "Heimsuchung"

Obwohl das Wissen der Menschheit sich vor unseren Augen stapelt und wir die Ursachen von Naturkatastrophen oder zerstörerischen Ereignissen besser denn je analysieren können, betrachten viele Menschen solche Ereignisse als ihr Schicksal oder sehen darin eine Art Strafe Gottes oder ein Zurückschlagen der Natur. Ich kann diese Haltung nicht teilen.

Für mich ist der Mensch zunächst doch auch nur ein Teil der Natur, der instinktiv versucht zu überleben.

Die Unvermeidbarkeit mancher Naturkatastrophen können wir Menschen umso besser verstehen, je mehr wir ein Verständnis für die Natur entwickeln. Dieser Erkenntnisgewinn und der Versuch, möglichen Schaden von vorn herein zu minimieren, mag zwar durchaus intelligent sein, ist aber im Prinzip auch nur unserem Überlebensinstinkt zu verdanken. Auch wenn manche von uns sich wegen dieser Erkenntnisse gerne als die Krönung der Schöpfung betrachten mögen.

Wie auch immer: Die Natur ist Teil des Universums und einfach so, wie sie ist. Natur ist weder Feind noch Richter. Und wir Menschen sind Teil der Natur. – So ausgereift die Intelligenz von uns Menschen auch sein mag, sie ist dennoch begrenzt. – Und auch diese Erkenntnis ist lediglich Teil des Universums, wie ich denke.

So sinniere ich über den Grund, wieso wir Menschen so oft und übereifrig die Natur besiegen wollen. Wieso will man die Natur kontrollieren, wieso möchte man sie besitzen?

Man sagt: „Der Starke siegt über den Schwächeren“, ... als sei das eine Gesetzesmäßigkeit. Ist die Bedeutung von „Schwäche“ und „Stärke“ nicht doch bloß ein Konzept, das sich Menschen ausgedacht haben?

‚Höher’,
‚Größer’,
‚Schneller’,
‚Stärker’,
‚Teurer’,
‚Länger’,
‚Besser‘ ...

Solche Vergleiche sind doch nur Prahlerei.
Und der eine oder andere mag sich dadurch als ein besserer Mensch fühlen.

Solche besseren Menschen habe ich schon in alten Schwarz-Weiß-Kriegsfilmen gesehen, und nun sehe ich sie in aktuellen TV-Nachrichten – Life und in 3D. Als habe sich die Menschheit mit einem schäumenden Virus infiziert.

Was… ist… das… bloß?

Misslingt solch eine übereifrige Unterjochung der Natur, fließen nachfolgend oft viele Tränen, was ich wiederum befremdlich finde.

Mein Bauch sagt mir etwas; es klingt wie eine Ansage:

„... Lies doch den Code deiner Gefühle. Lies deine Tränen!...
In den Tränen steckt ein Anti-Virus-Code!
Damit kannst du diesen Virus besiegen ...“.

Und so zoome ich heran:

Wehrlos schaue ich auf die mit einer Kamera aufgenommen Bilder der grausamen dunklen Welle des Tsunamis, der gerade die Erde verschlingt. Vor ihm fliehend Menschen, die bis zu ihrem Ende mit letzter Kraft um ihr Leben rennen, um schließlich verschluckt zu werden unter zuvor verschlungenen Menschen, Tieren, Bäumen, Häusern und Schiffen. In diesem Moment verdorren meine Emotionen und geschockt starre ich verständnislos ins Leere.
Auf diesen von oben aufgenommenen Aufnahmen sehen die Menschen wie wehrlose Ameisen aus, die gerade in ein Abflussrohr gesaugt werden.
Man sagt, dass wegen des Tsunamis der Strom des Kernkraftwerks Fukushima ausfiel und es deshalb zu mehreren Explosionen von Gebäuden gekommen sei .... zudem sei der Pazifik radioaktiv verseucht worden ... Am Bildschirm sind Menschen zu sehen, die in dieser Situation helfen wollen und die ihr Leben schon aufgegeben zu haben scheinen, die nun in die Gebäude eilen. Während ich diesem unerträglichen Leid zusehe, steigt in mir Wut hoch, weil das doch schon absehbar war. Nach Tschernobyl sollte es uns doch klargeworden sein, dass die Nutzung der Atomenergie wie die Geburt eines riesigen unglücklichen Monsters ist, dessen sterbliche Überreste noch hunderttausende Jahre oder gar länger ohne Geruch und Farbe die Erde verseucht. Womöglich ist uns diese Tatsache nicht bewusst genug gewesen und die Natur hat uns als letzte Warnung diese Rote Karte gezeigt.

Die Wut, die durch verletzten Stolz verursacht wird, das Gefühl, ein Verlierer zu sein, weil man schwächer ist und der Neid auf den Stärkeren ... – all diese Gefühle können durch Tränen beschönigt werden. Deshalb finde ich, dass man Tränen eigentlich lesen können sollte. Klar gibt es Situationen, in denen man machtlos ist oder das eigene Leben extrem von Chaos bedroht wird. Solche Tränen kann ich nachvollziehen. Doch Tränen sind nicht gleich Tränen. Hinter manchen verbirgt sich mehr. Es ist wie mit dem Gefühl der Traurigkeit.

Betrachte ich Katastrophen, fühle ich mich irgendwie mitschuldig. Denn auch ich habe oft weggesehen. Und irgendwie kann ich nicht richtig über diese Kata- strophen weinen. Mein Herz fühlt sich eiskalt an und meine Tränen stoppen. Doch plötzlich wache ich auf: Um unehrliche Tränen von Menschen erkennen zu können, brauche ich irgendwie andere Emotionen.

Mein Weinen stoppt, wenn ich die Tränen von Leuten sehe, die gierig nach Profit Umweltverbrechen begangen haben und dazu schweigen. Mit ihnen möchte ich nicht mitweinen. Mit ihren Tränen bin ich nicht einverstanden.

Ich sehe uns an einer Weggabelung – wir können uns entscheiden: Wieso hören wir nicht auf, die Natur zu versklaven, sie uns zu unserem Besitz und zu einem Objekt zu machen? Wieso verstehen wir uns nicht einfach als Teil der Natur, die wir respektieren und mit der wir friedlich zusammen leben?
Die Tränen von diesen Leuten, die Mauern bauen und Dinge auseinandertreiben wollen, sind mir unerträglich geworden. Deren Weinen ist doch bloß ein dummes Geräusch. Solche Leute wollen sich die Natur doch bloß versklaven.

Es ist der Moment, in dem sich ein „Sisyphus“ in mir bemerkbar macht, der sich immer dann meldet, wenn etwas komplexes oder schmerzhaftes passiert. Er wohnt schon lange in mir. Plötzlich lässt er den Stein fallen:
RUMMS!

Und in meinem Kopf flimmert der alte Schwarz-Weiß-Film:

Bevor die Atombombe auf Hiroshima fiel, schworen blutjunge Schüler, ihr Leben ihrem Land zu opfern. Ihr Herzschlag, eingeengt vom weißen Kragen ihrer schwarzen Schuluniform, schlägt nach dem Rhymthmus des Marsches, der dazu bläst, ganz Asien besiegen zu wollen. Damals, als dieser Wahnsinn wie ein Tsunami die Hälfte der Erde bedeckte und Menschenleben ummähte, als seien sie Gras. In dieser wahnsinnigen Zeit, in der so junge, fast kindliche Körper als Waffen und Schutzschild missbraucht wurden. Damals waren die Menschen, die daran beteiligt waren, nicht sie selbst – sie waren wie Zombies.

Ein halbes Jahrzehnt nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima überkam solch eine wahnsinnige Zeit wie ein Erdbeben auch das unabhängig gewordene Korea. Und dieser mit Hungrigen und Überlebenden bewohnte Teil der Erde wurde zweigeteilt. Wieder wurde ein Volk wie Gras niedergemäht und unschuldige Menschen wurden brutal hingerichtet. Damals waren die Menschen, die das getan haben, auch nicht sie selbst – sie waren wie Zombies.

Menschen, die zwar bei Geburt ihr Recht auf Leben in ihrer Hand hielten, denen dieses jedoch rücksichtslos entrissen wurde und die dann tief in den Bergen oder im Meer begraben wurden, haben in einer Ecke ihres Grabes still vor sich hin geatmet. Und ein paar Überlebende haben mit viel Geduld und in aller Stille Samen gepflanzt. In diesen Samen existieren immer noch all die Dinge, die sie schon bei der Geburt in ihrer Hand hielten. Es ist wie nach einem Feuer in den Bergen, bei dem alle Bäume sterben und in deren Ruinen es langsam wieder sprießt.

Seit den Ereignissen von Fukushima habe ich immer wieder Menschen gesehen, die nicht sie selbst waren. Ist es nicht so, dass diese Menschen die nächste Generation wie ein Schutzschild vor sich herschieben? Aber solche Menschen gibt es nicht nur in Fukushima. Unglücklicherweise sind sie in jeder Ecke dieser Erde zu finden, in der es Krieg, Terror und Gewalt gibt. Und sie sind in den Gedanken, in denen das Leben wie ein Krieg ist und in denen es nur um Kämpfen und um Siegen geht.

Plötzlich stoppen meine Tränen, und ich spüre, dass in mir eine neue Emotion aufsteigt. Es ist keine Traurigkeit, keine Wut, keine Freude ...

Tränen
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