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Soldaten

Verbotene Tränen.

Tränen, 10/13

Wir Menschen drücken viele Emotionen durch Tränen aus. Nur, lesen und verstehen wir diese auch richtig? Eine Reportage über die Geheimnisse, die sich hinter unseren Tränen verstecken.

© Suug

Soldaten

Verbotene Tränen

"Splitternackte Soldaten baden im Sand.
Ab und zu sind darunter auch sehr bekannte Gesichter zu sehen.
Alle Gesichter sind ausdruckslos, wie Papier; wie auf einem alten Schwarz-Weiß-Zeitungsfoto ...
Langsam tauchen sie im Sand unter, als wäre dieser Wasser."
"Tränen" von Suug

Merkwürdigerweise überkommen mich keine Schauder, wenn ich die zweidimensional gemalten Wandmalereien aus der Steinzeit betrachte, auf denen Pfeil und Bogen tragende Jäger zu sehen sind, die alle in einer Richtung rennen und hinter gehörntem Wild und anderen schon durch Pfeile getöteten Tieren her sind.

Vielleicht schwingt die Bewunderung in dem Gedanken mit, dass es uns möglicherweise heute nicht geben würde, hätten die Menschen damals nicht so um ihr Überleben gekämpft.

Allerdings hat sich mir nach ein paar für mich sehr dramatischen Ereignissen diese Bewunderung auf einmal abgekühlt und komplexeren Emotionen Platz gemacht: Durch die Weltkriege, Tschernobyl oder Fukushima wurde schon längst eine schauerliche Büchse der Pandora geöffnet. Solche für uns Menschen nicht fassbaren Kriege, Terroranschläge, Unfälle oder Naturkatastrophen scheinen uns etwas unempfindsamer gemacht zu haben. Und bewusst oder unbewusst sind wir mittlerweile dazu übergegangen, solches Grauen an der Zahl der Toten zu messen. In ganz normalen Nachrichten aus aller Welt werden in Life-Video-Streams tote Menschen gezeigt, deren Augenlider nicht einmal geschlossen wurden. Nur ab und zu hält man ein bisschen inne, wenn der tote Körper eines gerade geborenen Babys zu sehen ist, bis dieser im Auf und Ab der Grafik des Börsenkurses verschwindet. Und im Strom der endlos gestreuten Eiscremewerbung schmilzt das schon längst geschwächte Mitgefühl dahin.

Mir ist bewusst, dass ich auch in eine andere Region der Welt mit Hunger oder Krieg hineingeboren hätte werden können oder ein paar Jahre früher, noch während des Koreakriegs ... oder als leibeigene Frau während des Mittelalters ... Dass ich in Frieden leben kann, dafür bin ich sehr dankbar – und so verbringe ich die Nacht mit etwas Demut ...

Nach den Ereignissen von Fukushima wurde mir bewusst, dass uns Menschen jederzeit und unvorhersehbar eine riesige Welle überrollen kann. Doch diese Tatsache wahrhaftig zu begreifen, das vermag ich irgendwie nicht.

Während ich mit dieser demütigen Haltung schlafe, kommt eine große Welle, die so groß ist, dass man sie nicht spüren kann; eine Welle ohne Erschütterung. Die gesamte Oberfläche bewegt sich so langsam, dass nur ein leises Knarzen des Erdbodens zu vernehmen ist. Aber unter meiner Anti-Allergie-Bio-Baumwolldecke fühle ich mich wohl, während ich schlafe; unter dieser wird mir nichts passieren.

Wieder sehe ich uns an einer Weggabelung – wir können uns entscheiden: Wieso hören wir nicht auf, die Natur zu versklaven, sie uns zu unserem Besitz und zu einem Objekt zu machen? Wieso verstehen wir uns nicht einfach als Teil der Natur und respektieren sie und leben mit ihr friedlich zusammen?

Hörtipp an dieser Stelle: "Ödland"

Die Tränen von den Leuten, die Mauern bauen und Dinge auseinandertreiben wollen, sind unerträglich. Deren Weinen ist doch bloß ein dummes Geräusch. Sie werden meist Feinde finden wollen. Für sie ist die Natur ein Feind. Doch ist der Mensch nicht auch Teil dieser Natur?

Meine Gefühle sind so kompliziert geworden und mein Bauch ist ungewohnt verkrampft.

So oder so, ich bin ein trainierter Soldat und geübt, solche Gefühle tief in mir verborgen zu halten. Diese meinen Bauch verkrampfenden Gefühle ... unterdrücken reflexartig meine Schwächen ... als ob ich mir beweisen wolle, etwas Besseres zu sein. Schon wieder unterdrücke ich meine Gefühle, ganz ohne Grund. ...

Meine Emotionen stehen still, als breite sich in meinem Herzen eine lange Dürre aus. Es gibt weder Gras, noch Bäume, noch Insekten. Es fühlt sich öde an, wie in einer Wüste. In diesem Herzen laufen kraftlos ermüdete Soldaten. Ich glaube, wäre ich kein Soldat mehr, dann würde diese Dürre enden. So male ich mir folgendes Bild aus:

Splitternackte Soldaten baden im Sand. Ab und zu sind darunter auch sehr bekannte Gesichter zu sehen. Alle Gesichter sind ausdruckslos, wie Papier; wie auf einem alten Schwarz-Weiß-Zeitungsfoto ... Langsam tauchen sie im Sand unter, als wäre dieser Wasser.

Plötzlich blitzt in mir ein Gedanke auf: „Könnte es sein, dass sie sich freiwillig auslöschen wollen?“.

In diesem Moment springt die Ampel auf rot und das Bild in meinem Kopf stoppt.

Was für eine monströse Einstellung dieser Soldaten! Welchen Sinn soll das haben? „Für wen?“, „Für was?“ Was für ein Irrsinn, auf diese Art und Weise solche schwachen Soldaten sich selbst auslöschen lassen zu wollen. So, dass sie freiwillig in den Tod gehen, dass sie sich freiwillig erniedrigen lassen, dass sie freiwillig auf Befehle warten .... All das ist doch nur gut und nützlich für die Leute, die durch Lügen andere Menschen zu einem Objekt machen wollen.

Plötzlich springen aufgeschreckt nackte Leute aus dem Bild. HUCH! Ab und zu sind bekannte Gesichter darunter. Alle Gesichter haben schon einen ganz roten Kopf. Die rote Ampel schaltet ab ...

Es wird bald regnen. Es muss regnen. – Dadurch wird das dumme Geräusch des Weinens verdeckt und lediglich Freudentränen befeuchten das Herz. Sobald die Dürre weggewischt ist, wächst neues Gras, aus dem dann Kleidung gemacht wird. Die damit bekleideten Menschen sind dann keine Soldaten mehr. Genauso wie jedes Neugeborene nach der Geburt seinen einzigartigen Schrei hat, werden diese Menschen sich alle auf ihren einzigartigen Weg machen. In diesem Moment wächst womöglich ein neues Gefühl in ihrem Herzen heran. Wie Gras sprießt es sogar aus ihren Ohren. Womöglich kann ich das bei mir auch beobachten ... während ich mir mein Gesicht wasche.

So träume ich eines Morgens unter der Anti-Allergie-Bio-Baumwolldecke, noch bevor ich mir mein Gesicht gewaschen habe:

Die kleine schwarze Ameise macht sich auf dem braunen Holzboden auf den Weg.Vielleicht wurde sie wiedergeboren. Das kleine Mädchen beobachtet diese Ameise. Im Raum gibt es keine Frau mit den hübsch toupierten Haaren an der Nähmaschine. Doch gegenüber, da im dunklen Zimmer, dort liegt sie ganz still, so hübsch, trotz all ihrer Falten. Sie scheint tief zu schlafen und weder die Ameise, noch das kleine Mädchen zu bemerken. Plötzlich verspürt das kleine Mädchen Angst, die hübsche Frau könnte nie mehr aufwachen .... und so beginnt es, laut loszuheulen .... Doch die Tränen haben noch nicht den richtigen Code gefunden. Durch das Geheul des kleinen Mädchens wache ich erschreckt auf.

PIEP, PIEP, PIEP. Das Geheul des kleinen Mädchens wird durch den Wecker übertönt, der mich immer so aus dem Schlaf reißt. PATSCH! – Ich mache den Wecker aus. Plötzlich sehe ich auf der spiegelnden Glasfläche des Weckers eine Frau. Sie ist kein kleines Mädchen mehr, ihre Augen ähneln denen der Frau mit den hübsch toupierten Haaren. Draußen am Fenster erfreuen sich die Vögel am frühen Morgen und besingen ihn mit Melodien aus allen Variationen der Tonleiter, die sie immer lauter spielend steigern. Den Radiosprecher mit der krächzenden Stimme einer Krähe gibt es nicht mehr – was für ein Glück. Ich gehe mein Gesicht waschen ...

„Wenn ich wieder geboren werden sollte, dann möchte ich ein Mensch sein, der keine Feinde braucht.“ –
Zitat des Tages; von einer Kuh, die als Mensch geboren werden wollte.

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