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Der Wal im Regen

Die Stille auf dem Teller

Die Stille auf dem Teller 2/8

Tiere sind uns Menschen ähnlicher, als wir vermuten.
Sie fühlen, sie denken, sie lieben.

© Suug & Seha Yeo

Der Wal im Regen

Womöglich ist die Hälfte des Himmels, den wir sehen können, voll gefüllt mit den unsichtbaren Seelen der Verstorbenen, die zwischen den Wolken schweben.

Denn nach dem Tod bleiben die Seelen noch eine Zeit lang in dieser Welt, um sich wahrhaftig zu verabschieden.
Erst dann können sie eine andere Welt betreten. –
So sind meine Erinnerungen an das Hörensagen alter von Schamanen erzählter Geschichten, aber auch an Religionen, deren Erzählungen nach die Seelen entweder in einen Himmel oder in eine Hölle gehen.

Mal glauben wir Menschen an diese unsichtbare Welt
und mal nicht.
Solange es unser Leben nicht stört, ignorieren wir das Thema lieber, verneinen es jedoch meist nicht.

In meiner Vorstellung habe ich Menschen und Tiere zu einer einzigen Gattung gruppiert, da ich der Meinung bin, dass wir Menschen ja eigentlich auch bloß eine Art Tier sind.
Deshalb drängt sich mir mit einem Mal die Frage auf:
„Gibt es auch für die Tiere eine Welt nach dem Tod,
die sie erwartet, wie die, an die wir Menschen glauben? ...“

Nein? – Doch es gibt Religionen, in denen Menschen glauben, als Kuh wiedergeboren werden zu können und umgekehrt, Kühe ein Come-back als Mensch haben können.
Egal welches Motiv hinter dem Glauben an eine Wiederauferstehung oder den Wechsel in einen Himmel oder eine Hölle stecken mag – und bevor ich darüber zu grübeln beginne, ob Tier oder Mensch das höhere Wesen ist:
Solange Menschen und Tiere gemeinsam auf diesem Erdball leben und Teil einer Natur sind, wird das, was nach dem Tod passiert, für Menschen und Tiere wahrscheinlich sehr ähnlich ablaufen. – So habe ich eigentlich schon immer gedacht.
Und ich beginne das, was Menschen und Tieren nach dem Tod passiert und diese Ähnlichkeiten genauer zu betrachten: So bemerke ich, dass gleich, ob es sich um ein in einem Grab liegendes Menschenskelett mit sorgfältig gefalteten Händen handelt oder ob es sich um das Skelett eines Wolfs handelt, der still und einsam im Wald seinen Tod gefunden hat: Beide sind zu Asche zerfallen ...

Danach passiert folgendes:

Plötzlich,
unerwartet,
mit ganz leisem Geräusch,
schwebt am Himmel
über meinem Kopf
ein riesengroßer Wal.
Dieser Wal wird mich nicht mehr verlassen, solange mir nicht klar ist, welche Welt nach dem Tod folgt.

Dieses Walgeräusch, dieses schwebende Walgeräusch –
auf einmal verlässt es mein Ohr nicht mehr.
Möglicherweise gab es dieses Geräusch schon seit meiner Geburt.
Kann aber auch sein, dass ich es jetzt erst bemerke.
Einerlei, wieso triezt es mich jetzt ...?

Dieser Wal hat die Erde schon mehrere hundert Male umrundet, und ist schon allen möglichen Formen von Wolken begegnet und hat alle Winde durchschwommen.
Und immer dann, wenn er sich den Städten der Menschen nähert, sendet er ein Geräusch aus:
„UUIII UUIII ...“
Tief und leise sendet er dieses Geräusch und schwebt einfach so weiter.
Vielleicht möchte er mit seinem Geräusch etwas fragen.
Doch niemand scheint ihn zu hören.
Im Gegenteil, alle hören nur den Wind.

Manchmal, besonders an nebeligen Tagen, spüre ich den warmen prustenden Atem des Wals.

Und wenn der Regen seinen Rücken kitzelt, durchquert sein UUII-Laut das Regengeräusch, HUSCH! ...
So lausche ich noch den Nachklängen des langsam über meinem Kopf vorbeischwebenden Wals nach.

Mag sein, dass auch dieser Wal sich nicht von jemandem wahrhaftig hatte verabschieden können. Oder er wollte nur mal einen Blick auf die Welt an Land erhaschen, die er von unterhalb der Wasseroberfläche nie sehen konnte.
Ach, schon wieder kann ich es hören: gerade pustet er aus seinem Rücken, PUUST!
Es scheint mir, als ob sich dadurch die Knäuel aus Wolken über mir verschoben hätten.
So sehe ich den Wal weiterschweben.

Auf einmal habe ich das Gefühl, dass dieser Wal nicht alleine ist.
Mir geht durch den Kopf: wenn es bloß zwei oder drei weitere solcher Wale gäbe, dann wäre fast der gesamte Himmel bedeckt.

Hörtipp an dieser Stelle des Kapitels: Track 3 – Unruhe des Radars

Mit einem Mal kann ich es fühlen: die Hetzjagd im Meer, ganz in der Nähe des Nordpols. Von einem Walfangschiff bedrängt, schwimmt der Wal mit aller Kraft davon, ständig sich nach seinem Babywal umschauend, das noch nicht folgen kann, mit einem vor Schmerz zerrissenem Herzen. Die Schreie der Wale untereinander und das Motorengeräusch des Walfangschiffes vermischen sich mit dem Grollen der kaltblütigen Wellen, die über ihm zusammenbrechen.
Ich kann sie noch spüren, die Hetzjagd dieses furchtbaren letzten Tages.

Im Vergleich dazu schwebt der Wal jetzt ganz still.

Dieser schwebende Wal erzählt mir, was er erlebt hat:
Er erzählt vom Weinen und Schreien des Eisbärs auf dem immer kleiner werdenden Polareisfeld.
Vom Gekrächze der Schwärme ahnungslos aufgescheuchter Vögel im gerodeten Regenwald, die nicht mehr wissen, wohin sie ziehen sollen.
Vom Gekreische der vom Baum gefallenen und vom Traktor überrollten kleinen Äffchen.

Möglicherweise werden auch sie bald am Himmel über der Erde schweben.

Säugetiere!
Wale und wir Menschen haben diese Gemeinsamkeit.
Wale haben menschähnliche Emotionen, sagt man:
Freude, Liebe, Schmerz, Trauer, Tod.
Das Bild, das wir Menschen uns über die Welt machen, malen wir mit einer Farbpalette aus den Emotionen, die für uns die größte Bedeutung haben. Ich denke, bei den Walen wird das genauso sein.
Aber seit Wale vom Menschen gejagt und beherrscht werden, hat eine neue Zeit begonnen und wir sehen sie nur noch als Objekte. Seither drängen wir die Wale in die Ecke, als sei die Unendlichkeit des Meeres ein Stall. So hetzen und quälen wir sie langsam zu Tode.
Ich bin mir sicher, auch die Wale haben Gefühle wie wir!

Dieser Wal sieht dem Tod ins Auge und kämpft um sein Leben, so lange, bis Angst und Schock ihn lähmen und die Situation richtig miserabel wird.
Dieser Wal – der sich nicht von seiner Familie verabschieden kann und nicht versteht, wieso er sterben muss.
Mit Angst und Wut im Blick färbt er das blaue Meer rot. –

Hörtipp an dieser Stelle des Kapitels: Track 4 – Flucht vor dem Radar

Wenn dieser Wal wüsste, dass ein Stück von seinem Fleisch viele Menschen ernähren soll ... würde ihm dann sein Tod würdiger erscheinen?
Wir Menschen würden dies gerne so glauben; doch was für ein egoistisches Denken von uns.
Klar ist, für den Wal ist das die pure Angst, unfairer Kampf und ein Drama; dieses Leiden und langsame Sterben ... Wir Menschen schauen diesen furchtbaren Geschehnissen einfach nur zu ... mit der Überzeugung, dass wir etwas Besseres sind als dieser Wal ...

Diese unfassbare Arroganz wird auch vom Hightec-Jagdradar erfasst und taucht gemeinsam mit dem Wal als roter Punkt auf dem Schirm des Radars auf.
Auf diesem Radarschirm gibt es keine Feinde, keine Gewinner – und kein Verzeihen.
Der Stolz, diesen Wal besiegt zu haben, – nein, dieser Egoismus – er hinterlässt eine Wunde im blauen Meer. Doch diese Wunde erscheint nicht auf dem Radar.

„UUIII!“
Hinter meinem Rücken vor dem Fenster entlang des Horizonts aus Flachdächern der gegenüberstehenden Gebäude erscheint erneut der Wal. Als sei die Luft entlang des Horizonts ein Weg im Schnee des Winters, auf dem der Wal auf seinem Bauch vorbeirutscht. Wieder folgt er den schwebenden weißen Wolken über ihm, durchwühlt sie mit seinem Körper. Doch dieses Mal erkenne ich seine Last und sein Leid ...
Durch meinen Kopf gleiten schwerfällig meine Gedanken über diesen schwebenden Wal, bis sie langsam vor ihm zum Stehen kommen. Die gestapelten Gewichte auf seinem Herzen schnüren mir den Hals zu und nun fühle ich ebenso diese Last und dieses Leid ...

Zufällig fällt mir eine Wunde zwischen seinen beiden Augen auf. Es ist das erste Mal, da ich beide Augen eines Wals oder Fischs gleichzeitig sehen kann ... Auf dem Dinner-Teller sehen wir Menschen immer nur ein Auge, weil ihr toter Körper immer auf eine Seite kippt, wenn sie nicht im Wasser schwimmen.
Doch dieser Wal fordert mich mit seinen beiden Augen und der dazwischenliegenden Wunde. Sind wir für ihn doch nur stehende Gehwesen. Mit Panik erkenne ich in seinen Augen, wie sich darin mein Mitleid und meine Machtlosigkeit spiegelt und fühle mich kleiner als eine Eintagsfliege.

Die Situation ist noch ernster.
Wie lange wird dieser Wal so noch über mir schweben ...?
Solange, bis er genug getrauert hat?
Oder weiß, wohin er gehen möchte?
Das wird noch verdammt lange dauern!
Erst wenn er seine Situation vollständig begreifen kann, wird er mit seiner Trauer wahrhaftig abschließen können.

...

Nach einigen Monaten, an einem ungewöhnlich warmen windigen Sommertag, ergießt sich ein lauwarmer Sommerregen.

WUSCH! Meine vom Regen durchnässten Haare wehen im Wind. In diesem Moment ... UUIII!
... stellt mir der Wal eine Frage ... Im gleichen Augenblick: BRUMM! Ein Bus braust an mir vorbei und rutscht über den nassen Asphalt, sodass das Wasser in hohem Bogen aufspritzt ... Verschreckt springe ich zurück und halte unwillkürlich fest an meinem schwarzen Regenschirm.
Was er mich wohl gefragt hat ...?
UUIII!
Der Wal verschwindet im Regen ...
HMMM!
„Er hat sich noch nicht richtig verabschiedet“, murmle ich vor mich hin.
Hätte ich bloß verstanden, was er mich gefragt hat!
Hoffentlich kann er meine Gedanken lesen ...
Wieder: UUIII! ...
Ah, da! Dort verschwindet er langsam im Regen ...

Dieser schwebende Wal, er wird noch lange über mir schweben.

Hörtipp zum Ende des Kapitels: Track 5 – Das Ende der Wale, Track 6 – Der letzte Sprint




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