PATSCH!

Konfuse Tränen

Hörtipp zu Beginn des Kapitels: "Die Ameise"

"Ein von beiden gebildeter
seltsamer Emotionsfaden
schleudert unter die
Nadel der Nähmaschine."
"Tränen" von Suug

Seoul, Korea, Ende der 60er Jahre ...

Neben dem dunklen holzfarbigen Bücherregal in der Ecke tanzt ein durch das Fenster scheinendes kleines Licht.
An der kitschig blau-lila blumenbemusterten Tapete, die die Wand des Raumes dekoriert, hängt ein alter matt gewordener Spiegel, in dem ein kleines Mädchen zu sehen ist.
Es betrachtet das seltsame tanzende Licht unter dem Fenster.
Dahinter, im Flur mit den knarzenden Holzdielen, sitzt eine Frau mit hübsch toupierten Haaren an einer Nähmaschine, DRRR, DRRR.
Der Flur ist voll mit in der Nase kitzelndem Dampf eines gerade benutzten Bügeleisens.

Entlang des Zwischenraums der Holzplanken des Fußbodens macht sich eine Ameise auf ihre weite Reise. Das kleine Mädchen folgt mit dem Blick dieser schwarzen Ameise und denkt sich:
„Wo willst du bloß hin?“
Der Flur endet unter dem Fenster neben dem dunklen holzfarbigen Bücherregal in der Ecke.
„Ach, dahin willst du. ... Du liebe schwarze Ameise. Du bist auch auf das tanzende Licht neugierig?!“.
So grübelt das kleine Mädchen vor sich hin und beschließt, unter dem Fenster neben dem Licht auf die schwarze Ameise zu warten. –

Plötzlich:
PATSCH!

Die an der Nähmaschine arbeitende Frau mit ihren hübsch toupierten Haaren schlägt die Ameise mit einem Lappen tot. –

Und das kleine Mädchen weint.

„Wieso weinst du? Hast du dich erschrocken?“, versucht die Frau mit den hübsch toupierten Haaren zu trösten. Doch die Kleine ist sprachlos und ringt nach Fassung. –

Ein von beiden gebildeter seltsamer Emotionsfaden schleudert unter die Nadel der Nähmaschine.

Weinend kriecht die Kleine unter die Nähmaschine und hockt da, mit beiden Armen fest ihre Beine umklammernd.
DRRR, DRRR, Schluchz, Schluchz.
„Die Ameise ... sie hätte dich beißen können ...“, sagt die Frau mit den hübsch toupierten Haaren ... „Man musste ...., so macht man das ...“
„Aber wieso ... muss man sie töten?“
„Es war eine böse Ameise ...“, antwortet die bald ein leckeres Abendessen vorbereitende Frau mit den hübsch toupierten Haaren.

In der Tat. Die Tränen eines solchen Moments sind sehr konfus. Das kleine Mädchen kann überhaupt nichts verstehen: Weder den Abschied der Ameise, den Tod, die Liebe zu der Frau mit den hübsch toupierten Haaren, den unerwarteten Moment zwischen Panik und Dankbarkeit.

Das Geräusch des knarzenden Holzbodens im Flur fühlt sich seither für das kleine Kind an wie ein Stich ins Herz. Dann fließen die Tränen und tropfen durch den Zwischenraum der Holzplanken, entlang derer die Ameise auf ihrer Reise unterwegs war. Vielleicht war sie ja voller Zuversicht, die Ameise auf ihrer Reise. ... Das tanzende Licht unter dem Fenster verschwindet langsam – als sei es enttäuscht.

Plötzlich erschallt die Stimme des Sprechers der Abendnachrichten im Radio. Die Stimme krächzt wie die eines bedrohlichen Raben. Die Reise der Ameise und das Weinen des Kindes versickern wertlos im Abfluss dieses Gekrächzes. ...

Das Geschehene hat keine Bedeutung mehr. Es ist vergessen. Nichts weiter passiert.
Der salzige Tränengeschmack schmilzt bitter auf der durstigen Zunge des kleinen, tief im Herzen verletzten Kindes.

Hörtipp zum Schluss des Kapitels: "Wirrwarr"