2. Erlauschte Geschichten

Urban Sapiens

Eines Tages kam mir plötzlich der Gedanke, dass die Bäume auch Gefühle haben
und kommunizierende Lebewesen sind. Und seitdem erscheinen sie mir immer weniger
als nur einfache „Stehwesen“, sondern eher als kommunizierende und fühlende Nachbarn.
Mir scheint, sie haben ein gänzlich anderes Zeitkonzept und eine andere Sprache als die Menschen – eine ganz eigene Art.
Ich sehe sie seither völlig neu und wünsche mir, sie hören und spüren zu können.
Und so hat diese kleine Erzählung angefangen.

Die Äste der Platane neben dem Leitungsmast streicheln die schwankenden Stromleitungen, während sie in dem vom Bus aufgebrachten Wind reiten, srrr...

Die Stromwellen, die in diesen Drähten fließen, werden aus der Energie der Ozeanwinde erzeugt und die Platane lehnt sich an die Drähte an, als ob sie den vom Meer gesendeten Botschaften lauscht, srrr...
Dann schickt sie die erlauschten Geschichten weiter an alle anderen Bäume.
Sie sendet die von diesen Drähten übertragenen Geschichten durch ihre Wurzel zu den Wurzeln der anderen Bäume.
Schon seit mehr als hundert Jahren sendet der Baum so alle Arten von Geschichten weiter.

Mehrere Generationen von Menschen waren auf dieser Straße unterwegs.
Laute Autos fuhren vorbei, vielleicht auch vierspännige Kutschen.
Mehrere Generationen einer Vogelfamilie hüpften von Ast zu Ast.
Und Stromwellen flossen pausenlos durch die Drähte an dem Leitungsmast
oder durch die von den Menschen tief in der Erde installierten, glühenden Leitungen.

Und sie alle hinterließen verschiedene Geschichten, die vom Baum gespeichert werden. Tief im Stamm fließen sie mit dem Atem des Baumes und sammeln sich zu neuen Geschichten.


Stadt = Wald

Bäume, die von den Wäldern entfernt wurden, um in der Stadt zu existieren, haben nun völlig andere Lebensbedingungen mit einer Vielfalt von Nachbarn und unterschiedlichen Ansichten, sodass sie eine gänzlich andere Art haben zu leben:

Asphalt, Autos, Lastwagen, Motorräder und Menschen in verschiedenen Farben, in verschiedenen Looks und mit verschiedenen Sounds.
Nachtstraßenbeleuchtung und Neonlicht über Werbetafeln.
Manchmal vorbeirasende Ambulanzen oder Feuerwehrautos, die sich anhören wie vorübergehende Stürme.
Und hinter dem Fenster des fein mit Blumen geschmückten Balkons murmeln die Leute im TV Monitor.

"Die Bäume in der Stadt lesen das alles und nehmen es auf, wieder und wieder – unendlich."
"Urban Sapiens" von Suug

Die Bäume in der Stadt lesen das alles und nehmen es auf, wieder und wieder – unendlich.

So auch die Geschichte vom Baum gegenüber.
Die Geschichte von den gerade aufkeimenden kleinen Gräsern.
Die Klänge von den eben vorbeigehenden Leuten, die in ungewöhnlichen Tönen lachen.
Das Bild von jemandem vor dem Computerbildschirm; von der zappelnden Bewegung seiner Finger; allein, spät in der Nacht; in einem karg beleuchten Raum.
Und das Bild von einem langohrigen Hund, der jedes Mal zur gleichen Zeit mit nasser Nase grüßt.

Als ob die Wurzeln der Bäume unendlich gestreckt und verflochten wären, bewahren sie diese Geschichten ganz tief in der Erde auf.

Sie stehen nur da, sie bewegen sich nicht weg.
Aber dennoch, wenn man aufmerksam hinschaut, bewegen sie sich, sehr lang-sam ...

Sie lassen die Blätter wachsen, strecken die Äste aus und verschenken Blüten und Früchte ...

Die Menschen ignorieren alle diese Bewegungen und denken „die stehen nur da".
Menschliche Ohren und Augen können die Bäume nicht hören und lesen. Ihre Geschichten, ihre tief vergrabenen Geschichten.

Die Bäume in der Stadt akzeptieren die menschengemachte Welt als ihren Wald.
Und so speichern sie auch die Geschichten der Menschen, weil diese ein Teil ihres Waldes sind.

Menschen speichern ihre Zehntausende Geschichten im Kopf. Die Bäume der Stadt speichern die Geschichten der Menschen, die ihre Geschichten im Kopf speichern, zusammen mit der Geschichte der Stadt in ihren Wurzeln und im Stamm – und dazu Geschichten, die nur sie selbst sehen und fühlen können.


Das Lächeln

Ich stelle mir vor, wie die Bäume in der Stadt die Geschichten schreiben:

"... davor stehen die Bäume ganz still, damit beschäftigt, all diese Szenen zu notieren."
"Urban Sapiens" von Suug

Vor dem Wald aus quadratisch-gigantischen ordentlich geformten spitzen Zementgebäuden, die nebeneinander stehen und in der Höhe konkurrieren, ...
Vor der Stromleitung neben der U-Bahn-Station, ...
Vor dem Wald aus Menschen, die auf dem Straßenmarkt kommen und gehen, ...
Vor dem Wald aus Menschen, die aus dem U-Bahn-Schacht
wie Popcorn herausquellen, ....
Vor dem Wald aus Straßen, die in der Nacht durch Neonlicht gefärbt sind, ...
Vor dem Wald aus Klängen vom Akkordeon des Straßenmusikers in der Gasse neben diesen Straßen, ...

... davor stehen die Bäume ganz still, damit beschäftigt, all diese Szenen zu notieren.

Der blühende Kirschbaum, der im Frühling im Stadtpark neben dem kleinen Brunnen steht; er ist damit beschäftigt, über die ungewöhnlichen Geräusche zu schreiben, die seine Blätter kitzeln ...

Das Flüstern des Taubenpaars, das sich während des plötzlichen Regengusses auf seine Zweige gesetzt hat ...
Nach einer Weile ... nachdem der Regen aufgehört hat und die Sonne schon wieder scheint: Das Weinen und Schreien der Zwillinge aus dem Kinderwagen und die zärtlich tröstende Stimme ihrer Mutter ...
Der Schlagzeugbeat aus dem Kopfhörer des Jungen auf der Bank unter dem Baum, der das Rascheln der Reisetasche des Mädchens mit den langen Haaren überdeckt, die mit ihren Schuhabsätzen mitspielt. Tok! Tok! ...

... nur einige Sekunden innehaltend, wegen der Erschütterungen aus der Ferne vom Bahnhof, die den Baum leicht erzittern lassen, um dann sofort mit dem Schreiben fortzufahren. – So schreibt der blühende Kirschbaum die Geschichte des Frühlings.

Während sich der Prozess solcher Fantasien endlos fortsetzt, kommt mir plötzlich ein Gedanke:

Bäume haben keine Geheimnisse!
Sie teilen alle Geschichten miteinander.
Für sie ist das ein Gespräch und eine Freude.
So schreiben sie pausenlos weiter.

Komisch, dass ich dachte, die Bäume versteckten viele Geheimnisse tief in den Wurzeln.

Zufällig, auf einem Spaziergang, schien mir der Baum, den ich viele Male gesehen hatte, etwas sagen zu wollen.
Hat er meinen Gang erkannt?
Irgendwie sende ich ihm mein Lächeln zu. Als die Frequenz meines Lächelns seine Blätter erreicht, scheine ich das Geräusch des Baumes zu hören, der gerade mein Lächeln notiert.