Das Flattern des fremden Dings

Die Stille auf dem Teller

Die Stille auf dem Teller 7/8
Tiere sind uns Menschen ähnlicher, als wir vermuten.Sie fühlen, sie denken, sie lieben.
Das Flattern des fremden Dings

Das Flattern des fremden Dings

Am Ende des allzu langen Winters, betrinkt sich ein wintermüder Weidenbaum am Straßenrand mit dem den Frühling ankündigenden Regen. Trotz des eisigen Windes, sehnt er sich euphorisch dem Moment entgegen, wieder ein Kleid aus neuen Blättern anzuziehen.

In dieser Nacht peitscht der Wind kräftig.
ZWUUSCH! Auf einem schief aus der Baumkrone abstehenden Ast ist irgendetwas gelandet; nein, nicht gelandet, es hat sich regelerecht verheddert. Zudem macht es ziemlich komische Geräusche, irgendwie zerrend und gänsehautverursachend ...

„Ein komischer Vogel“, denkt sich der Weidenbaum für einen Augenblick, „dieses verhedderte, flatternde, durchsichtige Etwas.“
Plötzlich erschreckt ihn die Erkenntnis:
„HUCH! Das Ding muss ein Gespenst sein!
Es riecht nicht! Es wiegt nichts! Aber es kann fliegen! ...
Und es macht ein gänsehauterregendes Geräusch!
ZZZRRR!! Das also ist ein Gespenst! Habe ich doch über hundert Jahre meines Lebens nie an Gespenster geglaubt ...“

Wieder schüttel der Wind die Äste durch. Je stärker, desto schlimmer wird das zerrende, gänsehauterregende Geistergeräusch.
ZZZRRR! „Das ist ein Gespenst!“
Auf dass es bald irgendwo anders hinfliegt, wünscht sich der Baum und wartet so auf den Sonnenaufgang.
ZZZRRR!, ZZZRRR! PRRR, PRRR!
KNAARZ ....

Nach dem Sonnenaufgang:
„Oh weh, das Gespenst ist ja noch da!“
Es hat sich um den Ast des Baums geschlungen, und flattert wie eine Siegerflagge, als ob es zeigen wolle, dass es diesen Baum erobert habe.
„Verdammt, wo gibt es Gespenster, die man auch bei Tag sehen kann?!
Was will es bloß,
wieso hat es gerade mich gewählt ...?
ZZZRRR! Es ist ein Gespenst.
ZZZRRR! ZZZRRR! Was für ein böses, ein sehr böses Gespenst.“
Der Weidenbaum protestiert: „Hau ab! Verschwinde! ... Verschwinde! Geh mir aus den Augen!

Jedesmal, wenn die Vögel den Baum besuchen, lassen sie sich nicht mehr nieder, wenn sie das Gespenst sehen und merken, wie der Baum protestiert.
Nun sitzen sie auf benachbarten Bäumen, weit genug weg von den erschreckenden Geräuschen des Gespensts.
ZZZRRR!, ZZZRRR! PRRR, PRRR!
KNAARZ ....

„Ah, was? ... es scheint mir, dass nicht nur ich dieses Gespenst sehen kann.“
„Das ist ja schon mal super“, denkt sich der Weidenbaum.
„Ich bin also nicht der einzige“. Und mit solchen Gedanken vergeht der Tag. Und noch ein Tag. Und noch ein Tag. ...
Und Wochen später, nachdem schon die Frühlingsblätter zu sprießen begonnen haben, ist das freche Gespenst immer noch da.
ZZZRRR!, ZZZRRR!! PRRR, PRRR!
KNAARZ ....

ZZZRRR! „Das ist ein Gespenst!“ PRRR, PRRR!
"Die Stille auf dem Teller" von Suug

Doch ei-nes Ta-ges ...
hat das Gespenst den Weidenbaum genug belästigt.
ZWUUSCH! Mit einem Windstoß verlässt es den Baum.
„JUCHU! Endlich wieder Frieden!“ ...
Das Gespenst ist weg. Es ist auch auf keinem anderen Baum zu sehen.
Doch gegenüber, am Eingang des Supermarkts, dort in der Ecke, in der die Hunde auf ihre Besitzer warten, dort bellt ein aufgeregter schwarzer Hund.
„Bellt er wegen des Gespensts?!“
„Hat er es gesehen?“, fragt sich der Weidenbaum und schaut sich weiter um.
„Da! Das ist es!“
In diesem Moment kommt der Besitzer des schwarzen Hundes zurück und packt das Gespenst mit festem Griff.
„Wow!“ Der Baum ist beeindruckt. „Das ist ein mutiger Mensch. Ganz schön krass!“
Der Mann tröstet seinen durch das Gespenst aufgeregten Hund.
„Hej, das ist doch bloß eine Plastiktüte und sie ist nicht zum Fressen ...“
Der Mann drückt das mit einem Griff gepackte Gespenst rein in eine rote metallene Mülltonne.
So erfährt der Weidenbaum endlich den Namen diese sichtbaren Gespensts: „Plastiktüte!“
„Hoffentlich kommt dieses verdammte Plastiktütengespenst nie wieder aus der roten Mülltonne heraus!“,
sorgt sich der Weidenbaum.

Sanft streichelt der Wind die Zweige des Weidenbaums.
Endlich ist er wieder mit sich selbst.
Einen Moment lang schwingt der Baum anmutig im Wind hin und her.
Unterdessen murmelt er vor sich hin:
„ZZZRRR! ZZZRRR! Ein böses, ein böses Gespenst.
ZZZRRR! ZZZRRR! Ein böses, sehr böses Gespenst.
Keiner ahnt ja, wie böse es ist. So was hat noch niemand erlebt ...“

ZZZRRR! ZZZRRR! "Ein böses, ein böses Gespenst."
"Die Stille auf dem Teller" von Suug
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