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Meersalz

Tränen des Mitgefühls.

Tränen, 12/13

Wir Menschen drücken viele Emotionen durch Tränen aus. Nur, lesen und verstehen wir diese auch richtig? Eine Reportage über die Geheimnisse, die sich hinter unseren Tränen verstecken.

© Suug

Meersalz

Tränen des Mitgefühls

"Plötzlich überkommt mich ein komisches Gefühl und ich bekomme Gänsehaut.
Entsetzen verursacht in meinem Kopf einen Bluescreen,
als seien meine Gedanken von einem Virus infiziert.
Ich schalte all meine Emotionen ab und atme ganz tief durch."
"Tränen" von Suug

Hörtipp zu Beginn des Kapitels: "Das Weinen des Meeres"

Auf dem Regal ganz oben, an der linken Wandseite in der Küche, gibt es die noch unangebrochenen Lebensmittelvorräte, die, die bald aufgebraucht werden sollen. Dort auf diesem Regal, zwischen ganz neuen Lebensmittelpackungen, steht eine hübsche blaue Papiertüte. Es ist eine Packung mit Bio-Meersalz aus dem Mittelmeer; ohne Zusatzstoffe, naturreines Meersalz, solches, das den natürlichen Geschmack des Essens hervorheben soll. Genauso ist es auch. Deshalb gibt es auf diesem Regal immer eine vorrätige Bio-Mittelmeersalztüte.

Allerdings sind mir nach Fukushima Meeresfrüchte, Pflanzen aus dem Meer und Meersalz etwas unbehaglich geworden. Denn Meer ohne Probleme scheint es nicht mehr zu geben. Trotzdem benötige ich Salz. Und Meersalz soll doch viel frischer sein als das Salz aus einem Bergwerk. Also kaufe ich nach wie vor Meersalz aus dem Mittelmeer. Doch plötzlich beginne ich diese Bio-Mittelmeersalztüte nicht mehr zu öffnen und lasse sie auf dem Regal.

Die Zahl der Toten und vermissten Flüchtlinge im Mittelmeer geht auf grafischen Darstellungen Jahr für Jahr zurück, was mich einen Moment lang beruhigt. Dann lese ich am Anfang des Jahres* einen Satz unter einer Grafik, dass ungefähr 800 Menschen im Mittelmehr gestorben seien. Es wäre weniger gewesen als die 5000 Todesfälle im Mittelmeer im Jahr zuvor. Trotzdem gibt es nach wie vor Todesfälle von Flüchtlingen im Mittelmeer. Was für ein großes Drama. Täglich verschluckt das herrlich blaue Mittelmeer Menschen. Auch wenn man diese Situation nicht als Krieg bezeichnen mag, passiert hier doch eine Art Schlacht, ein unartikuliertes Morden.

Wie ich irgendwann mal in einem Hollywoodfilm sah, soll während des Vietnamkriegs mit Kriegsgefangenen ein Spiel gespielt worden sein, bei dem ihnen eine Pistole an den Kopf gehalten und abgedrückt wurde und der gewann, bei dem keine Kugel im Lauf war. Es war so ein Spiel auf Leben und Tod, bei dem der als noch cooler galt, dem ein Schuss das lebendige Gehirn durchbohrte – PENG! – und bei dem die Kamera entlang seiner toten Augen auf den blutgetränkten Fußboden schwenkte, um dann die Szene langsam auszublenden. Ein typischer Hollywoodfilm, bei dem es immer eine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse gab. Zumindest war klar, auf wen sich die Wut richten sollte.

Aber hier, im Falle des Mittelmeers, gibt es keine Linie, keine Feinde, keine Pistolen, kein Blut und keine Kamera. Plötzlich fühlt sich für mich das Mittelmeer wie ein kaltblütiges Meer an, wie eine Todeszelle, in der Unschuldige hingerichtet werden. Die Überlebenden wirken wie von einem Fels Gestoßene, die zufällig auf Leichen fielen, und mit knapper Not überlebten, um dann in Flüchtlingslagern gefangen gehalten und mit einer Nummer versehen zu werden. Ihr Leben ist zerrissen und es bleiben tiefe Narben – ohne einen Schuss, ohne Blut, ohne hörbares Geschrei.

Auch wenn ich mir einbilde, dass ich mich für mein Weinen schämen muss, weil es doch nur ein kleinliches Mitgefühl ausdrückt, fließen dennoch ein paar Tränen in und aus meinem Herzen. Irgendwie sickern sie in meinen Mund. Mir fällt der salzige Geschmack auf. Meine Tränen könnten auch aus dem Bio-Mittelmeersalz bestehen. Plötzlich überkommt mich ein komisches Gefühl und ich bekomme Gänsehaut. Entsetzen verursacht in meinem Kopf einen Bluescreen, als seien meine Gedanken von einem Virus infiziert. Ich schalte all meine Emotionen ab und atme ganz tief durch. Die schöne blaue Bio-Mittelmeersalztüte schaut mir in mein bleichgewordenes Gesicht. Sie scheint mir sagen zu wollen, dass sie mit all den Seelen der Leute gefüllt ist, die voller Hoffnung bis zu ihrem Ende atmeten. Sie möchte mit mir diese Hoffnungen teilen... Regungslos starre ich einige Zeit auf diese blaue Bio-Mittelmeersalztüte. Es herrscht Stille.

In meinem Kopf taucht das Bild der Nahrungsketten auf, die wir als Naturgesetz betrachten; Ist das wirklich so vorherbestimmt und unser Schicksal? Ich denke, dass jedes Lebewesen seine eigene Art zu Leben entwickelt und nach einem Optimum strebt. Und Evolution wurde doch schon immer durch Mutationen beschleunigt. Es mag deshalb sein, dass es irgendwann auch einmal keine unheilbaren Krankheiten mehr geben wird; und Behinderte nicht mehr benachteiligt werden; und der Ort, an dem man geboren wird, keine Rolle mehr spielt ....

So in Gedanken versunken, fällt mir plötzlich das Selfie-Video eines jungen Flüchtlings ein, der sich mit letzter Kraft seiner Hände im Rollstuhl über Land bis an einen sicheren Ort geflüchtet hatte**. Wegen seines Rollstuhls konnte er nicht über das Mittelmeer flüchten. Deshalb hatte er sich für den Landweg entschieden. Auch nachdem er alle Gefahren und Mühen hinter sich gelassen hatte und in Sicherheit war, hatte er sein Lächeln nicht verloren. Mit Freudentränen in den Augen erzählte er davon, wie kostbar ihm die Freiheit sei und was es für eine Freude für ihn sei, diese nun wieder gefunden zu haben. Als ich ihn so erzählen hörte, traf es mich wie ein Donnerschlag in meinem Herz: BUMM! Ich war plötzlich hellwach. Genau, diese Freiheit! Wie kostbar ist sie doch! Man kann sie nicht richtig wertschätzen, wenn man sie jeden Tag genießt ... – Doch aus den Augen des Jungen flossen die Freudentränen über seine neu gewonnene Freiheit.

Schon wieder fließen mir warme Tränen über meine Wangen und ihr salziger Geschmack sickert in meinen Mund. Doch dieses Mal rufen diese Tränen in mir eine warme Erinnerung zurück. Wie die Tränen der hübschen Frau unter dem Baum mit den Kirschblüten im Frühjahr, die auf ihren bald in Freiheit kommenden Sohn wartete, scheinen auch auf meinen Wangen Kirschblüten zu blühen.

Wieder schaue ich zu dieser blauen Bio-Mittelmeersalztüte. Neben ihr steht, wie ein Freund, eine weitere Bio-Meersalztüte, mit Meersalz aus dem Atlantik. So lange, bis sich irgendwann mal mein Herz wieder beruhigt hat und auch das Mittelmeer wieder Ruhe finden wird und bis dann diese blaue Bio-Mittelmeersalztüte geöffnet werden wird, soll sie nicht alleine sein. Ich will dieser blauen Bio-Mittelmeersalztüte Geschichten erzählen … Geschichten über Freudentränen ...

Ich habe entschieden, nicht machtlos sein zu wollen. Machtlosigkeit zu verspüren, ist ein Zeichen dafür, schon von dem Virus befallen zu sein, vom Virus, sich selbst als Opfer zu fühlen. Machtlosigkeit ist nur eine Reaktion, sie ist aber nicht die Wirklichkeit. Tatsächlich wartet auf jeden von uns eine Realität mit Überraschungen und erstaunlichen Wahrheiten. Man braucht bloß die Augen zu öffnen und hin zu schauen. Ich blicke ganz entspannt nach draußen durch das Fenster.

Irgendetwas wischt mir die Augen. Mein Blick wird klarer. Meine Augen nehmen alles noch deutlicher wahr. Das ist schon sehr, sehr lange nicht mehr so gewesen.

* 2017 https://bit.ly/2p5RHrl
** 2015, während sich zahlreiche Flüchtlinge zu Fuß aus dem Nahen Osten bis nach Mitteleuropa auf den Weg machten

Hörtipp zum Schluss des Kapitels: "Zuversicht"

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