Drehbuchszenen mit Vögeln

Die Stille auf dem Teller

Die Stille auf dem Teller 8/8

Tiere sind uns Menschen ähnlicher, als wir vermuten.
Sie fühlen, sie denken, sie lieben.

© Suug & Seha Yeo

Drehbuchszenen mit Vögeln

Ein paar Drehbuch-Szenen mit mehreren Vögeln in der Hauptrolle.

– Szene 1 –

Im Hintergrund: eine Autobahnraststätte.

Durch Lücken in der LKW Wand reicht jemand den Hühnern mit ihrem Hals, trocken wie Papier, ein paar Tröpfchen Wasser.
Die Hühner denken: „Ach, es gibt auch gute Menschen in dieser Welt“.
Und sie bedanken sich kurz.

Die namenlosen Hühner:
* 26. Oktober – † 14. Dezember

SCHNITT!

 

– Szene 2 –

Im Hintergrund: in einem Supermarkt in einer Stadt.

In einer Ecke des Supermarkts unter der durchsichtigen Plastikfolie liegt verrenkt der federlose weiße Körper eines Truthahns, als zelebriere er in seinem letzten Moment eine Art Weihnachtsbraten-Body-Performance.
Sein Tag endet so, zerschnitten von irgend jemandem und in Stücke gerissen, auf einem Abendbrottisch gleich neben dem rötlich schimmernden Weinglas.

SCHNITT!

 

– Szene 3 –

Im Hintergrund: in einer Eierfabrik neben einem Bauernhof.

In dem Moment, in dem die unzähligen männlichen Küken das erste Mal das Licht der Welt erblicken, werden sie in einen Schredder gesaugt ...

SCHNITT! SCHNITT! SCHNITT!

5 Sekunden lang ein schwarzer Bildschirm.
TICK TACK, TICK TACK, TICK TACK, TICK TACK.

Nachfolgend ein paar Drehbuch-Szenen über das Ende von nicht auf dem Speiseplan des Menschen stehender Vögel.

 

– Szene 4 –

Im Hintergrund: das Motorengeräusch eines großen LKW’s im Regenwald.

Mitten im Regenwald, auf einer Fläche, die mit Maschinen rücksichtslos abrasiert wurde, hat sich ein verirrter Papagei auf der Spitze eines der übriggebliebenen Bäume versteckt
und schaut auf die wie Streichhölzer umgekippten schweigenden Bäume.
Er sieht die letzte Orang-Utan-Mutter, wie sie gegen eine der Maschinen anrennt.

SCHNITT!

 

– Szene 5 –

Im Hintergrund: an einer Flussmündung auf einem Feld mit einer Stadt am Horizont.

Die Zugvögel, deren Flugroute von Nord nach Süd und umgekehrt sich in tausenden von Jahren tief in ihre DNA einprogrammiert hat, sitzen an der ölverschmutzen Flussmündung fest. Sie ahnen, dass sie nie wieder die Südsee sehen werden. Als hätten sie ihre Flugroute verloren, schauen sie nun starr mit ölverschmierten geschlossenen Flügeln auf die entfernten Lichter der nächtlichen Stadt. Ab und zu zuckt und zittert ihr Kopf.

SCHNITT!

 

– Szene 6 –

Im Hintergrund: auf einem Baum an einem Hang über dem Meer.

Das Futter aus Plastik bringt den Magen eines Vogels zum Platzen. Tief dringt das Plastik in seinen Körper ein. Auch wenn er als frei lebender Meeresvogel weit entfernt davon ist, im Supermarkt unter einer Plastikfolie in Body-Performance andeutenden Verrenkungen zu enden, träumt er von irgendeinem Monster in seinem Inneren. Nichtsahnend von seinem nahenden letzten Moment, verschwimmen die weit entfernten Meeresgeräusche zwischen Realität und Traum.
Genau in diesem Moment erscheint ihm der Mond auch aus Plastik zu sein.

SCHNITT!

5 Sekunden schwarzer Bildschirm.
TICK TACK, TICK TACK, TICK TACK, TICK TACK.

 

– Original-Drehbuch-Szenen –

So wie es eigentlich sein sollte, nicht wahr?

Hintergrund – in einem Supermarkt.

Es gibt weder Plastikverpackungen, noch Fleisch.

Die Wand ziert das Bild eines Regenwaldes am Meer. Bunte Vögel in allen Farben sind zu sehen.

Die Szene blendet über vom Supermarkt in den Regenwald am Meer. In ihm leben tatsächlich noch richtige Vögel. Sie bewegen sich ausgelassen von Baum zu Baum und hinterlassen ihre Geschichten.

Am Strand schnuppern Seevögel im salzigen Sand. Andere schweben über den Meereswellen und krächzen glücklich gemeinsam mit ihrem Schwarm.

Statt Futter aus Plastik verschlingen sie unverseuchte Würmer und Fische.

Auch wenn diese Vögel von noch größeren gefressen werden – haben sie zumindest ihr eigenes Leben gelebt.

Oder wenn sie wegen einer Dürre verhungern, statt gestopft zu werden, oder im langen Winter erfrieren, statt ihre Federn bei lebendigem Leib ausgerissen zu bekommen, – diese Vögel haben zumindest ihr eigenes Leben gelebt.

Irgendwann, an ihrem letzten Tag, öffnen sie ihre Flügel,
und saugen den gesamten Himmel in sie hinein.

SCHNITT!

Einen kurzen Moment lang scrollt ein Nachspann nach oben:

Hintergrund – ein Küken piept und schaut in den Himmel.

Mit seinem kleinen Schnabel pickt es Buchstaben zu Worten zusammen:

„Unser. leben. schwebt. in. der. unendlichkeit. des. universums.
bedeutungslos.
unser. leben. ist. ein. winziges. staubkörnchen.
aber. schließlich. besteht. das. gesamte.universum. aus. solchen. staubkörnchen.“

Ende.
Ausblendung. Schwarz.

Hörtipp zum Ende des Kapitels: Track 13 – Plastik Mond: ich kann nicht fliegen




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