Tränen

Text, Illustration, Musik von Suug

Hörtipp zu Beginn: "Tränen"

Wir Menschen drücken viele Emotionen durch Tränen aus. Nur, können wir diese auch richtig lesen und verstehen? Eine autobiographische Reportage über die Geheimnisse, die sich hinter unseren Tränen verstecken.

Folge Suug's Musik, Text und Illustrationen und habe teil an für sie prägenden Erlebnissen unter der Militärdiktatur in Südkorea in den 70er und 80er Jahren, aber auch an Erfahrungen im Zusammenhang mit einer schweren Krankheit Mitte der 2010er Jahre hier in Deutschland. – Immer auf der Suche nach dem Code der Tränen: denn hinter unseren Tränen verstecken sich tiefgründige Emotionen, die zu erkennen und zu verstehen nicht immer ganz einfach zu sein scheint.

1. Tropf

Plötzliche Tränen

"TROPF!
Plötzlich ein erschreckender, Tränen tropfender Moment.
Er wiederholt sich jedes Mal, wenn ich etwas in die Ecke werfe.
ZACK! TROPF.
ZACK! TROPF."
"Tränen" von Suug

Hörtipp zu Beginn des Kapitels: "Bizarre Gefühle"

Wann?
In der Mitte des Winters, zu Beginn des neuen Jahres, ein paar Monate vor dem Nuklearunfall und Tsunami von Fukushima – an einem Tag, an dem man kaum die Sonne spürt, weil es schon am Nachmittag gegen 4 Uhr stockdunkel ist – bin ich statt mit Winterschlaf mit „Wintergrübeln“ beschäftigt.
An diesem Tag beginne ich mit dem Niederschreiben dieser Gedanken ...

Wo?
In Hamburg, inmitten Europas.

Was?
Gedanken über Tränen.

Wieso?
Wegen der Tränen, die mich manchmal überkommen, was mir unerklärlich und unbequem ist. Diese Tränen scheinen mit mir zu spielen. Fast unheimlich.
Erst einmal schreibe ich alles auf. Vielleicht gewinne ich dadurch Klarheit. So sitze ich hier und schreibe ...

ZACK, ZACK! Die alten Bücher fliegen in die Ecke. Die Buchwürmer, die womöglich in den Büchern leben, werden bald auf dem Recycling Hof landen – oder auf dem Flohmarkt. – Dann werden Sie sich aber beim Einwohnermeldeamt ummelden müssen... scherze ich und kichere leise vor mich hin. – Als nächstes sind dann die alten Klamotten dran und allerlei Krimskrams – gestapelte Erinnerungen. ZACK, ZACK!

All die Sachen um mich herum haben mir eines Tages begonnen, den Atem zu nehmen. Sie sind mir zu einer Last geworden. Wie ein Klotz am Bein. Schwer und unbequem. Überall tauchten Sie vor mir auf. Aber jetzt habe ich beschlossen, alles wegzuwerfen. ZACK!
Sonst gibt es keinen Platz für Neues. ZACK!

Langsam stapelt sich in der Ecke ein Turm aus Vergangenheit!

TROPF!

Plötzlich ein erschreckender, tränentropfender Moment.

Er wiederholt sich jedes Mal, wenn ich etwas in die Ecke werfe.

ZACK! TROPF.
ZACK! TROPF.

Ich zucke zusammen. Ein komisches, befremdliches und seltsames Gefühl beschleicht mich. Ich beobachte diesen Moment.
Anfangs vermute ich, dass diese Tränen sicherlich bloß eine romantische Aufwallung von Heimweh oder irgendein Reflex auf etwas Vergangenes sind. ... Dennoch empfinde ich anders als bisher. Ohne ein Gefühl von Trauer in meinem Herz, überkommen sie mich plötzlich, diese Tränen. Irgendwie erscheint mir das sehr merkwürdig.

Diese Tränen können irgendwas in meinem tiefen Inneren lesen. Irgendetwas, das ich so bisher nicht geahnt hatte. Das macht mich neugierig. In meinem Kopf schaltet eine Ampel auf rot – und lässt mich innehalten. – OK. Ich werde den Gedanken akzeptieren. Ich werde dieser Sache nachgehen. Egal, wie lange es dauert ...

Unterdessen stapeln sich in meinem Kopf Charaktere von Tränen. Sehr spannende Gedanken tauchen auf und reihen sich aneinander. ... Gleichzeitig beschleicht mich eine gewisse Unruhe. ... Ich scheine den Faden zu verlieren, ... versuche aber, dran zu bleiben. .... Es steckt doch mehr dahinter?! .... Still kocht etwas Bizarres in mir hoch. ... Ich murmle vor mich hin. – Es kommt von ganz tief in mir drin und steigt langsam an die Oberfläche.

Ich bin neugierig. – Ich verspüre ein unbekanntes Gefühl, wenn ich den Turm aus Vergangenheit in der Ecke betrachte, eine heimatlose Zeithäufung. Vielleicht steckt hinter den Tränen noch etwas anderes, irgendwelche Geheimnisse. Dieser Haufen aus vergangener Zeit ist von komplex verschlungenen bunten Fäden umschlossen. In meinem Kopf beginne ich, diese Fäden zu entflechten. Langsam, einen nach dem anderen.